Das war also 2016

Ein Hohn ist der Glaube der Arbeiterklasse, sie seien für die Wirtschaft „mehr wert“ als ein Flüchtling. Der Mensch ist ein Objekt mit Properties, mit Wert als Produktionsfaktor. Diese asozialen Werte werden von gerade jenen weitergetragen, die Opfer des Kapitalismus geworden sind. Ihre Angst objektiviert die noch Ärmeren und läßt Politiker über die Einschränkung von Grundrechten schwadronieren. Die menschliche Würde wird plötzlich in Frage gestellt. Das ist die schlimmste Entwicklung 2016.

Die Welt scheint aus den Angeln gehoben zu werden. Nicht nur Klimawandel ist ein Faktum, sondern die Absurdität menschlichen Intellekts: Diese wird gerade durch das Internet transparent. Statt Wissen zu verbreiten und zu erweitern, verbreiten wir Sinnlosigkeiten in Form von Meinungen und „fake news“. (Ich glaube letzteres wird das Unwort des Jahres – im Wettbewerb mit „postfaktisch“) Das Potential des Internets wird nicht ansatzweise für menschliche Weiterentwicklung genutzt. Allenfalls von Geeks. Fast schlimmer als Klimawandel scheint die Tatsache, daß er noch immer bestritten wird. Das menschliche Gehirn ist determiniert und es schützt sich mit „blissful ignorance“ bis zum Untergang. Und wir, the human race, hören nicht, lernen nicht, sondern sortieren weiterhin Informationen nach unserem Gustus. Der ist jener von Konsumenten in der echo chamber von Algorithmen.
Weltweit ist Frustration ausgebrochen: Die, welche gar nichts haben, erliegen der naturgemäßen Verzweiflung von Menschen die existentiell bedroht sind. Jene, welche noch etwas haben, kämpfen mit ihrer Verlustangst. Einige davon werden immer aggressiver im Verteidigen. Wir haben Polen, Ungarn, die USA. Staaten, die einen „Rechtsruck“ erfahren haben. Oder besser gesagt, welche eine aktivistische Idiotie vorziehen, da sie eine Aura von Stärke vorschiebt. Daß diese Stärke ultimativ im Verheizen der Bevölkerung in Konflikten besteht, will niemand wahrhaben. Aus allen Löchern kriechen nun die sozialen und geistigen Verlierer, die Lebens-Ängstlichen, all jene, die sich nach der starken Hand sehnen. Und ihre Töne werden immer aggressiver je mehr es zu verlieren gilt.
Und es ist schwierig, nicht AfD zu wählen, wenn man sich nicht gehört fühlt; genauso schwer, nicht Donald Trump zu wählen, wenn man nichts als das Establishment der Neoliberalisten zur Alternative hat. Die westliche Welt scheint alternativlos.

Hilflos reagiert die etablierte Politik, indem sie das tut, was sie kennt: Fabulieren und Verbieten. Man will rassistische Hetze und Falschinformation im Internet ausmerzen. Die Triebe eines sozialen Unkrauts werden beschnitten, die Wurzeln gestärkt. Die unsägliche Aussichtslosigkeit dieser Aktionen sieht man, wenn man zum einen der Logik des Internets folgt: Man kann verbieten aber de facto nicht verhindern. Desweiteren sind solche Verbote, Verbote der Meinungsäußerung. Die Meinungen ändern sich dadurch nicht; im Gegenteil – sie pochen auf ihr Recht, geäußert zu werden.
Politik versucht, die Feuer einzudämmen, um deren Ursachen sie sich jahrelang nicht gekümmert hat. Aussichtslos. Die Wähler rächen sich, weil sie auf genau das reduziert wurden: Wähler. Demokratie steht auf einem Bein. Gepaart mit desolater Bildung, sozialer Unfähigkeit von aufgezogenen Konsumenten sind Bürger eben keine mündigen Demokraten, sondern Anspruchsteller. Man erwartet von Politikern Lösungen, ohne sich selbst als Teil des Problems und der Lösung zu begreifen. Steuern und Abgaben werden als Entgelt für politische Dienstleistungen gesehen. Sobald die Dinge aus den Fugen zu geraten scheinen, grölt der Mob nach dem starken Führer, jemand, der die Dinge gerade rückt. Die Menschen, vor allem im Westen, sind Konsumenten, verwöhnt vom Überfluß eines zügellosen Kommerzdenkens, welche einem stupiden Muster folgt: Der Wegwerfgesellschaft. Der Bürger fordert: die alten Politiker weg, neue ran. Die Politiker fordern, nicht auf jene zu hören, welche fordern.
Der Staat, von welchem Stärke gefordert wird, dreht sich im Kreis, indem Populismus Vorschub geleistet wird, statt mit aller Härte des Gesetzes die Linie zu verteidigen, wo Menschenwürde gefährdet wird.
Alle jene, welche die Welt mit Besorgnis betrachten und Aufklärung fordern, die „Gutmenschen“, werden sonst jene sein, welche im Höllenfeuer brennen werden, in den Gefängnissen, den Lagern. Die Türkei ist prominentes Beispiel, wo Intellektuelle, Juristen und Journalisten über Nacht zu Verfolgten geworden sind. Denn Aufklärung kann man nicht forcieren: Aufgeklärt wird nur der, welcher Zweifel an sich und seinem Weltbild aufrechterhält. Es bricht die Zeit der Demagogen an; jener Gattung von Menschen, welche Zweifel verachten. Ihr Bestreben ist es, jedem Zweifel eine Antwort entgegenzusetzen. Die Moderne zeigt, daß es funktioniert: Lieber eine Antwort als eine Frage. Lieber eine Antwort, die zufriedenstellt. Verlustangst erzeugt Wut. Wodurch Zufriedenstellung auch in Aufrüstung gefunden wird, in der Steigerung jener Wut, in Hetze gegen anderes und andere. Die Infantilität unserer Erwachsenen, der angeblich Mündigen, bedeutet, daß man kaputt macht, was man nicht versteht. Patriotismus erfährt eine Renaissance, denn Menschen suchen unmittelbare Gefolgschaft in direkter Nachbarschaft, in der Gemeinde. Das ist es, was wir über die letzten Jahrzehnte hätte pflegen müssen: Ein gesundes kommunales Miteinander, unabhängig von politischer Gesinnung und globaler Plutokratie. Stattdessen ist nun der soziale breaking point erreicht, der Punkt, wo Klassenkampf als Phänomen sichtbar wird. Und jedesmal, wenn ein Politiker die Klassengesellschaft bestreitet und dabei an Vernunft und Werte appelliert, ist das ein zynischer Schlag ins Gesicht all jener, die bei acht bis 16 Stunden Arbeitstag kaum ihre Familie ernähren können.

Es wird Zeit, offen über das Recht zum Widerstand zu diskutieren. Widerstand gegen die Floskel, „mehr Eigenverantwortung“, Widerstand gegen Privatisierung und Einforderung sozialer Verantwortung jener, welche sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichern. Die Aussicht ist allerdings trübe, denn die politisch Vernachlässigten sind jene, die sich keine Lobby organisiert haben, als die Zeit noch gut dafür war. Nun, wo viele Gesetze den großen Unternehmen zugute kommen, ist Widerstand kein demokratischer mehr, sondern demagogischer.
Und daher wird aus Diskurs Trotz, welchem Extremismus folgt und die ihm immanente „Säuberung“. Daß diese „Säuberung“ immer die Ärmsten trifft, ist die unerträgliche Bösartigkeit der Situation. Die zynische Ironie ist, daß es kein Kampf der Klassen arm und reich ist, sondern eine Aufspaltung der Arbeiterklasse in weitere: Es gibt jene, die noch etwas haben und jene ganz ohne Mittel, außer dem „Diebstahl“. Das ist es, was Demagogen propagieren: Der Flüchtling kommt und lebt auf unsere Kosten. Die Eskalation: Der Flüchtling kommt und stiehlt unsere Werte, unsere Frauen, unseren Wohlstand.

Ein Hohn ist der Glaube der Arbeiterklasse, sie seien für die Wirtschaft „mehr wert“ als ein Flüchtling. Der Mensch ist ein Objekt mit Properties, mit Wert als Produktionsfaktor. Diese asozialen Werte werden von gerade jenen weitergetragen, die Opfer des Kapitalismus geworden sind. Ihre Angst objektiviert die noch Ärmeren und läßt Politiker über die Einschränkung von Grundrechten schwadronieren. Die menschliche Würde wird plötzlich in Frage gestellt. Das ist die schlimmste Entwicklung 2016.

Und nun haben wir die neue Klasse der Politiker. Trump. Orban. Szydło. Le Pen. Petry. Ihrem opportunistischen Kalkül, welches sie mit den Etablierten teilen, gesellt sich tumbe Radikalität hinzu, die am Ende wieder blanker Zynismus sein wird. Was setzt man dem entgegen? Für Aufklärung ist es zu spät. Die, welche sich mit dem Support der Vorgenannten am System rächen wollen, werden von ihren Führern letztlich schön in den Arsch gefickt. Derbe Formulierungen scheinen inzwischen das einzige durchsetzende Argument in einem Diskurs der aus den Fugen geraten ist. Dann laßt uns uns eben gegenseitig anschreien, rüde, derb, aber nicht bösartig und bar jeder Fakten. Vielleicht hört man die Stimme der Vernunft doch noch dort, wo sie gebraucht wird. Vielleicht Zeit, uns 2017 anzuschreien, aber wenigstens inhaltsvoll.


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