Viva la revolucion!

Solange die Diskussion um rechts und links, um Karl Marx oder Adam Smith, arm oder reich anhält, wird sich ab der Revolution nichts ändern. Das System baut Institutionen, die am Tag nach der Revolution Patina ansetzen und am Tag vor der nächsten verbrannt werden.

Es gibt eine Aussage des jungen Fidel Castro, in der er die herrschende Demokratie im Land als Farce bezeichnet. Das war zu Zeiten, als die Regierung Generals Batistas für ökonomischen Wohlstand sorgte und das Land zugleich in eine Klassengeselllschaft spaltete. Während ein zwei Drittel der Kubaner ohne fließendes Wasser und mit 6 US$ pro Woche auskommen mußte, lebte in Havana die Aristokratie. Es war eine Zeit, in welcher die Ideen Marx‘ und Engels fruchtbaren Boden fanden.

Klassenkampf dominierte das 19. und 20. Jahrhundert; entsprechend gewalttätig entluden sich die Spannungen. Und in der selben Manier entwickelte sich der Umbruch zu der verkommenen Institution, welche von ihm zuvor beseitigt wurde. Castros tiefe Mißgunst gegenüber der Demokratie (für ihn war sie nur Blendmittel zum Mißbrauch von Macht) hat ihm die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft genommen. Er wurde zum Diktator einer anderen Idee, doch immernoch seiner eigenen. Sein Antrieb wurde eine Neurose.
Castros Werdegang gleicht jenem der marxistischen Theorie: In der frühen Phase, wo dieselbe eine Ideologie der Unterdrückten ist, stehen messerscharfe, folgerichtige Analysen auf der Agenda. Nach Kampf und Sieg bleiben starre Ideen alter Männer, die keine Lösungen für die neue Ordnungen parat halten. Stattdessen führen sich Marx wie Castro ad absurdum beim Festhalten an eine Ideologie, welche nur bis zur Revolution taugt.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Der Beginn des kommunistischen Manifests von Marx und Engels ist Tatsache. Doch sie beschreibt nur die Dynamik des Zirkelschlusses der Geschichte: permanenter Umbruch und Umverteilung. Marx, Lenin und Castro taugen nur für Zeiten kurz vor Revolutionen. Der Abriß eines Klassensystems löst nicht das Problem der neuen Struktur. Castros Rebellion war die einer benachteiligten Klasse. Fidel und Che sind bis heute Sinnbilder der Befreiung – für all jene, die sich als benachteiligt empfinden. Selbst wenn es wohlgenährte, weiße Kinder aus deutschen Haushalten sind. Das Muster der Revolution ist ein altbekanntes, soziologisches; es ist hilfreich und wir haben es global gemeistert. Linke und rechte Ideologien taugen also nur bis zum Sieg. Visionen für die Zeit danach haben wir nicht entwickelt. Trotz technischer Entwicklung, kreist der Mensch sozial in einem Un-Hegelschen Zustand anstatt sich in Dialektik aufzuschwingen zum besseren.

Voraussetzung für ein Überkommen alter Muster, wo ein Klassenkampf den nächsten abwechselt, ist ein Anerkennen von Fakten. Zum ersten, daß der Mensch in seinem Denken determiniert ist. Die Soziologie liefert empirische Fakten; je mehr sie Verhaltensmuster erkennen läßt, umso größer der Verdacht einer Automation.
Die Hirnforschung gibt Hinweise darauf, wie unsere Entscheidungsprozesse als Individuum per se vollzogen werden, während der Mensch diese Entscheidungen in seiner Hirnrinde nur noch beurteilen kann, versinnlichen. So, wie im Rückblick auf gescheiterte Herrschaftssysteme Analysen erfolgen. Diese Determiniertheit menschlichen Verhaltens, ausgehend von äußeren Impulsen, eröffnet Probleme, doch sie eröffnet auch neue Möglichkeiten. Wer will schon seinen eigenen freien Willen verleugnen und seine Hirnaktivitäten mit Pawlowschen Reflexen vergleichen? Und doch ist menschliches Verhalten nichts als komplexe Reaktion auf Umweltbedingungen. Soziologisch sind diese Bedingungen Resultat des eigenen Handelns – wie eine Revolution und ihre Folgen beispielsweise.

Wenn der Mensch die Natur seines determinierten Geistes akzeptiert, erkennt er seine Stellung in der Natur und daß er nicht göttlichen, sondern Gesetzen der Natur unterliegt. Erst dann kann man von menschlicher Natur reden; einem Begriff, welcher Determiniertheit in sich trägt. Wir sind, wie wir sind. Wir können uns nicht einfach ändern – nicht durch Willen, nicht durch Revolution. Die Umstände, in welchen wir leben können wir ändern – und diese ändern uns.

Solange die Diskussion um rechts und links, um Karl Marx oder Adam Smith, arm oder reich anhält, wird sich ab der Revolution nichts ändern. Das System baut Institutionen, die am Tag nach der Revolution Patina ansetzen und am Tag vor der nächsten verbrannt werden.

Bleiben wir beim simplem Dualismus von sozio-ökonomischen Systemen wie Kapitalismus und Kommunismus: Das starrsinnige Festhalten sozialistischer Führer an Maximen, welche mit erfolgter Revolution an Sinn verlieren hat bis heute jede Chance eines kommunistischen Daseins ruiniert. Augenscheinlich sind ökonomischer Verfall unter eine zumutbare Grenze und nicht existente Demokratie. Es existiert ein starkes Recht der Verteilung, ius distributiva, doch es gibt nichts zu verteilen. Gleichheit reduziert sich auf Gleichheit in Armut.
Im Gegenzug fordert der Kapitalismus Eigenverantwortung, welche über ein gesundes Maß hinausgeht. Er generiert genau jene Verhältnisse, welche dem Klassenkampf Nährboden geben. Hier gibt es viel zu verteilen, doch kein ius distributiva; jeder muß sich um seinen Anteil selbst kümmern. Gleichheit wird unterminiert und damit zur Farce, denn die Chancen der Bürger werden ungleich. Als Beispiel taugen Privatschulen und Netzwerke: Man wird hineingeboren in Armut oder Reichtum.

Für einen Ausbruch aus diesen alten Strukturen hilft nur eine Utopie einer neuen Gesellschaftsform, die auf Fakten basiert und nicht auf Tugenden. Nicht auf glorifizierten Menschenbildern und einem daher-illusionierten Humanismus.
Die Empirie ist seit Anbeginn des homo sapiens das beste Werkzeug für Erkenntnis. Es ist an der Zeit zu erkennen, daß der Mensch nicht mehr ist, als die Summe seiner Reaktionen in bestimmten Situationen. Daß er von den Polen der Angst und des Begehrens gesteuert wird. Daß er Rassist ist, Xenophob, Raubtier, Egomane. Daß er human und gütig sein kann, wenn er befriedigt ist. Der edle Wilde, wie Voltaire es formuliert.

Der Mensch ist in der Lage, humanistisch zu sein. Aber nur, wenn die Umstände es erlauben. Sobald wir unsere geistige Determiniertheit akzeptieren gibt es die Möglichkeit von sozialem Fortschritt.

Exkurs: Spielt Demokratie eine Rolle?
Die Herrschaft des Volkes ist ein umstrittener Begriff. Wir trauen ihr nicht und doch lieben wir sie, denn wir haben Angst, machtlos zu sein. Wir vermischen Wirtschafts- und Sozialsysteme. „Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik…“ – Zitat: Honnecker 1971, Merkel 2014. Das ist verwirrend, denn Demokratie als Staatsform ist unabhängig von Plan- oder Marktwirtschaft. Es ist problematisch, diese Systeme zu entflechten; insbesondere in einer gescheiterten sozialen Marktwirtschaft.

Demokratie sitzt bei alledem auf der Ersatzbank. Sie ist in keinem System predominanter Spieler, sondern allenfalls eine Formalie. Während Fidel Castro zu Recht von einer Farce redet, wenn Aristokratie regiert, schafft er Demokratie komplett ab und ignoriert die Bedürfnisse des Volkes.
Während die westliche Welt des Kapitalismus die Bedeutung des Begriffes Demokratie auf freie Wahlen reduziert, vermischen sich hier demokratische (d.h. soziale) Freiheit und unternehmerische Freiheit zu einer gefährlichen Substanz. Jene, welche ökonomisch schlechter gestellt sind, partizipieren nicht mehr an der großen Freiheit; sie bleibt für diese unerreichbar. Umso empfänglicher werden diese für Erlösergestalten die zu Führern in einem neuen Klassenkampf werden.

Gleichheit ist der Primat des Rechts. Recht ist gerecht, wenn es von der Bevölkerung als gerecht empfunden wird. Dazu muß die Bevölkerung in der Lage sein, ihren Willen in Recht umwandeln zu können. Demokratie ist vielgesichtig: Als Pöbelherrschaft, Ochlokratie, als indirekte Präsidialherrschaft (Präsidialdemokratie) oder als parlamentarisch vermittelte Volksherrschaft. Demokratie ist in allen Fällen ein Transportmittel jeder einzelnen Stimme eines Bürgers. Und das ist zugleich das Wichtigste: Mittels Demokratie das Gefühl zu haben, mitbestimmen zu können über das eigene Schicksal. Das ist für die meisten Menschen Kernpunkt von Politik: Einflußnahme. Gleichheit, ein überaus komplizierter Begriff, bedeutet in diesem Sinne, nicht vom politischen Prozeß ausgeschlossen zu sein. Weil der Mensch seine Ungleichheit erkannt hat, ist die Demokratie zum großen Gleichmacher geworden. Haben Bürger das Gefühl, daß sie dazu nicht mehr taugt, wird nach anderen Gleichmachern gesucht.

Ein empirischer Fakt: Das Interesse am politischen Prozeß ist bei den wenigsten Bürgern ausgeprägt genug, um eine Demokratie aufrecht zu erhalten. Gegenstimmen?


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