<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kurzgeschichte &amp; Essay &#8211; The Personalist</title>
	<atom:link href="https://www.thepersonalist.de/category/essays/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.thepersonalist.de</link>
	<description>Gesellschaft, Politik, Philosophie ... &#38; das Web</description>
	<lastBuildDate>Tue, 17 Feb 2026 09:34:45 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2013/08/cropped-thePersonalist-logo-E2.1-1-32x32.png</url>
	<title>Kurzgeschichte &amp; Essay &#8211; The Personalist</title>
	<link>https://www.thepersonalist.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Weiches Fleisch</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/weiches-fleisch/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/weiches-fleisch/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Dec 2025 17:18:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4750</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p>Nehmen wir mit Greg, oder Gregor. Greg nennen ihn nur die Leute in der schicken Wohnanlage mit Schranke vor der Einfahrt. Gregor hat eine Weile auf der Strasse gelebt. Das war nicht einfach passiert — es war ein Prozess. Anfangs war er bei Tanten und Großtanten aufgeschlagen, um ein paar Nächte zu verbringen. Er hatte es nicht lange ausgehalten. Seine Klarheit darüber, wie entfremdet die Familie sein kann, ließ ihn sein Zeug packen und abhauen. Zu Freunden, wo er vorsichtig war, weil er das Gefühl hatte, freundlich sein zu müssen. Weil Freunde eben doch keine Familie waren. Es zog innerlich an ihm, wenn er ihnen etwas Lockerheit vorspielte. Er sei nur gerade in der Gegend. Das ging natürlich nicht lange gut, denn wieviele Nächte kann man „in der Gegend” sein?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Freunde und Freundlichkeit sind zwei ähnliche Begriffe — aber nicht das Selbe. Also kreisten Gregs Geschichten immer weniger darum, seinen Freunden keine Unannehmlichkeit zu bereiten. Er hatte Angst diese unmerklichen Bewegungen zu bemerken, ein Augenreiben, ein nachdenkliches Kopfkratzen und am schlimmsten, wie die Köpfe sich schnell zu ihm drehten, nachdem man Blicke ausgetauscht hatte. Eine Kommunikation, von der er ausgeschlossen war. Draußen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ein, zweimal hatte er eine Renovierung der Wohnung vorgeschoben, die er eigentlich nicht mehr besaß. Er kam dem Kern der Sache näher: Eigentlich war gelogen. Er war obdachlos. Sein Problem war, dass er keine Freunde besaß, die bereit waren, <em>wirklich</em> freundlich zu sein. Ehrlichkeit ist eben schwer, denn sie besteht aus mehr als aus Worten. Gregor brachte den Mut nicht auf, sich zu entblößen.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der einzige Freund, der ihn ausgehalten hätte, war tot. Vor einigen Jahren gestorben. Ralf hatte es nicht einfach. Sein Vater benahm sich wie ein verrückter Armeespieß, es hagelte gelegentlich Ohrfeigen, es wurde gehorcht, Mutter schwieg, Großmutter war eine „Hexe”. Als flaumbärtiger Lump, als er auf dem Moped saß, war die Sache anders. Vorbei mit Gehorsam. Der Alte konnte ihn mal. Aber die Probleme rissen nicht ab. Vom Moped zum Motorrad, das brach ihm alle Knochen. Zuletzt hatte seine Mutter ihn alleingelassen mit seinem Vater. Der lag seit einigen Jahren im Pflegeheim und wurde gewindelt. Und so weiter jedenfalls. Ralf wußte, was Freunde wert sind, aber deswegen war er nicht freundlich.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Für Gregor war Ralf ein zäher Bursche. <em>Hartes Fleisch —tough meat</em>. Mit einem Leben ohne Feierabend immer im Kampf. Aber mit Tagen voller Festen, Drogen und Freunden. Gregor hatte über die Zweideutigkeit der Freundlichkeit nachgedacht. So genau ließ sich die Grenze zwischen rechter und falscher nicht ausmachen. Gregor hatte zwei Jahre Zeit darüber nachzudenken. Sein Urteil war ungefähr: Dort, wo Verlogenheit anständig wird. Dort, wo die wohlgenährten Bäuche sind. Die — und das wußte Gregor damals nicht — sich nie Feierabend <em>gönnten</em>. Er hatte keinen Neid oder gar Hass für die anderen, welche an ihm vorbeiliefen und vorbeifuhren. Er spürte bei ihnen oft Angst und die Erschöpfung durch sie. Man schlug prätentiöse kleine Bogen um ihn, lächelte ihm entschuldigend zu, zuckte mit den Achseln. Manche waren dermaßen erschöpft vom Leben, dass sie ihn in die Rippen traten und bespuckten.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das alles, weil sie <em>weiches Fleisch</em> geworden waren. Unfähig, außerhalb einer Ordnung zu leben, die klare Rollen und Pfade definierte. In der alles quantifizierbar war, wie der Erfolg. Woran sollte man sich sonst messen?&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wie Linda Gregor von der Straße geholt hatte, ist eine interessante Geschichte. Aber für Greg, wie man ihn nun nannte, war sie eine schöne und blasse Erinnerung, die er kaum noch hervorholte. Es ging ihm gut. Also konnte er auch die anstrengenden zwei Jahre davor wegwischen. Er und alles um ihn herum war sauber, domestiziert und vor allem <em>privat</em>. Alles im Leben war funktional: Regenjacke, Windjacke, Hosen, Sonnencreme, einen Liegestuhl und den Tisch, an welchem man nicht ganz bequem aber aufrecht saß. So wird gegessen und nicht auf dem Arsch in einer dreckigen Ecke liegend. Alles war wieder <em>Möglichkeit</em>.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Diese Möglichkeit schöpfte Greg voll aus. Jeder in der Wohnanlage wußte von seiner Vergangenheit. Seine Position als Stiftungsleiter ließ das Gerede hinter seinem Rücken aber zu einem vorsichtigen Murmeln werden. Es war unvorstellbar, wie <em>So Jemand</em> in stinkenden Klamotten auf dem Bordstein gammelte. Inzwischen auch für Greg. An einem dieser gediegenen Esstische saßen sie an jenem Abend als sich Gregor zu Greg gesellte.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sabine stand die gerade abseits unterhielt sich. Rainer, drehte sich zu Greg und brummte vernehmlich, die Sabbel erzähle viel und gerne. Aber Sabine schien nichts gehört zu haben. Als Rainer in der selben Tonlage erklärte, dass sich die Sabbel allerdings gut auskenne, drehte sich ihr Kopf und konnte sich ein ein schrilles Auflachen nicht verkneifen. Sie bog sich nach hinten und rief, dass sie es ja immer schon gesagt hatte. <em>Kicher kicher</em>.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was, wenn in Rainers Stimme Sarkasmus mitschwang? Greg verlor sich in Gedanken und Gregor tauchte auf.&nbsp; Hatte Sabine so gelacht, als sei sie ertappt worden? Hatte sie gelacht, aus Angst davor, dass man ein unleugbares Muster an ihr erkannt hatte, das ihre Fiktion als <em>Misses Allwissend</em> entlarvte? Alle Bemühungen, dieses kompetente Bild aufrecht zu erhalten, würden scheitern, wenn jeder erkannte, dass sie es gernesein wollte aber eben nicht war<em>. </em>Aus Angst vor dem Urteil der anderen galt es als Schwäche, sich preiszugeben. Weil die Wirklichkeit in den Augen dieser Leute hier ja so verdammt anders war und Träumerinnen verletzliche Wesen. <em>Weiches Fleisch</em>.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Greg wurde aus dem Gedanken gerissen. Hans balancierte zwei große Weinschoppen über das am Boden verstreute Kinderspielzeug. Er versuchte sich an seiner cremefarbenen Lounge vorbei zu schlängeln. Das misslang, denn die Lehne blockierte seinen Bauch. Nicht dass er fett gewesen wäre — er schnaufte nicht, aber er versuchte tatsächlich feenhaft durchzukommen. Mit mildem Entsetzen erinnerte sich Hans an die Flecken auf Sofa und Teppich, deren Entfernung beim letzten Mal einige Anstrengung gekostet hatte. <em>Salz</em> dachte er und spürte ein leichtes Kribbeln auf der Kopfhaut. Greg beobachtete als Einziger, wie Hans den Mund verzog und Geräusche zu seinen ostentativen Verrenkungen fabrizierte. Hans glaubte, alle Augen seien auf ihn gerichtet und lieferte ab. Das volle Programm eines Schauspielers der den Ruhm sucht. Weiches Fleisch.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Am Esstisch saß&nbsp; Roland mit verschränkten Beinen, sein Kopf auf drei Finger gestützt. Er hatte sich zu seinen Kindern gedreht und nölte irgendetwas. Seine Frau, eine dürre aber irgendwie attraktiv wirkende Blondine, kniete sich vorwurfsvoll zu den Sprösslingen und hob Spielzeug vom Rasen auf. <em>Sanne!</em> rief Rolf&nbsp; genervt. Anstoßen erfordert Disziplin. Man will ja niemanden warten lassen. Rolf war in diesem Moment jedenfalls <em>tough meat</em>. Ihm war scheißegal, ob die anderen seine Verärgerung bemerkten. Aber sie war für jeden in der Runde gedacht. Als gemeinsame Empörung darüber, dass ihm sein Auto geklaut wurde. SUV, glänzend, kraftvoll, teuer. Doch nur der nächste Schauspieler.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Und so setzte Rolf alles daran, seinen Unmut auszubreiten, um eine tragfähige Mehrheit der Verstimmten zu erreichen. Er hatte schon mehrmals eingeschoben, wie teuer die Karre gewesen war. Niemand hatte explizit danach gefragt. Umso wirkungsvoller, dachte sich Rolf, weil eine Barriere gebrochen war — man sprach nicht über Geld. Und wenn, dann um zu zeigen, wie das Schwerverdiente von allen Seiten Bedrohungen ausgesetzt war.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Diese elenden Arschlöcher waren bestimmt Albaner, Rumänen oder Russen gewesen. Obwohl, so meinte Hans, die Russen ja genug Schotter hätten, eher die Polen, obwohl die ja inzwischen schon größere Autos fuhren als… Rolf ließ sich nicht ablenken. Der Kern der Sache war, dass man nicht mehr sicher sein konnte. Die Schranke war brachial ausgehebelt und der SUV irgendwie elektronisch geknackt worden. Respekt immerhin dafür, dass andere Geschick hatten, das einem selber abging.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sanne setzte sich an den Tisch und hob das Glas. Rolf spitzte den Mund als unterdrückte er etwas, atmete laut aus und hob seines. Als die Gläser abgesetzt wurden begann Susanne zu reden. Die Schranke wäre ein Kostenfaktor, den alle zu tragen hätten. Um eine Versammlung komme man nicht herum. Was sie nicht aussprach war, dass ihr das Auto egal war. Rolfs Gemütszustand war das einzige, was zählte. Er brachte als Arzt das Geld nach Hause. Susanne war nicht geldgeil oder ängstlich, mit ihrem eigenen auskommen zu müssen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, es gäbe nichts besseres für ihre Kinder als Sicherheit. Dass das Essen auf dem Tisch stand, dass für die Ausbildung gesorgt war, dass es <em>Möglichkeiten</em> gab. Die hatte sie nicht gehabt. Mit Sechzehn aus dem Elternhaus, heimliche Abtreibung, Couchsurfing, Parties, große Träume. Der übliche Unsinn eben. Jetzt war Verantwortung an der Tagesordnung.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Greg war sich nicht sicher bei Sanne. War sie <em>tough meat</em>, weil sie diese Rolle der Ehefrau zum Gefallen Rolfs ausfüllte oder der Mutter in Sorge um ihre Kinder? Vielleicht war es die Tatsache, dass sie ihr früheres Dasein als unsinnig ansah und sich mit der Verantwortung, die dies Lüge mit sich trug, geißelte. Sanne, der die Reaktion auf ihre Ausführungen nicht genügten steigerte sich hinein. Man kann sich nicht mehr sicher fühlen. Nicht einmal im eigenen Zuhause! Ja, sie fühle sich regelrecht <em>ver-ge-wal-tigt</em>! Hans nickte nachdenklich.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Greg hatte sein Urteil gefällt: Susanne war kein <em>tough meat</em>, sie hatte Schiss, sie funktionierte nur. Im selben Moment trat Linda durch die Tür. Sie setzte sich und beanspruchte eine gewichtige Pause, indem sie eine Zigarette ansteckte. Es war klar, dass sie etwas zu sagen haben würde. Sie nahm einen Zug und blies langsam aus. <em>Mach mal halblang!</em> Bevor Sanne entgegnen konnte, beugte sie sich vor. Wir reden von einem Auto! Und ein Auto sei ja wohl nicht gleichzusetzen mit Vergewaltigungen. Hans nickte wieder und fiel dazwischen. Vermögensdelikte seien mitunter schwerer bestraft als Körperverletzungen. Was Linda stirnrunzelnd dahin drehte, dass in dieser Gesellschaft eben alles auf dem Kopf stehe. Dass man die Prioritäten aus den Augen verloren hätte.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Welche Prioritäten wären das? fragte Sanne mit funkelnden Augen. Auf Rolfs Gesicht legte sich entspannter Stolz und er schaute von der Seite auf seine Frau. Linda zog an ihrer Zigarette. Als sie den Mund öffnete kam eine leise Stimme heraus, die nicht ihre war. Einige Meter entfernt stand zitternd eine junge Frau.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sie sah mager aus, hatte eine aufgeplatzte Lippe. Sie sprach vorsichtig ins Schweigen hinein. Sie brauche Hilfe. Rolf sprang auf und ging eilends zu ihr. Sie krümmte sich leicht, weshalb Rolf sich zu ihr herunterbeugte, die Hände auf die Knie gestützt, und fragte, ob alles in Ordnung sei. Woher sie komme (Gregor hörte: <em>Wie bist du hereingekommen?</em>)&nbsp; Die Frauen näherten sich vorsichtig. Sanne hatte die Hände vorm Mund, Linda hielt dem Mädchen ein Glas Wasser hin.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Als Gregor den lang ausgestreckten Arm seiner Frau sah, spürte er den Abstand, der zu jemanden gehalten wurde, der aus einer anderen Welt stammte. Er spürte die Furcht seiner Frau davor, irgendwie in die Verantwortung gezogen zu werden, sich kümmern zu müssen. Nicht mehr <em>privat</em> zu sein. Weil man sich nicht <em>auch noch </em>um andere sorgen könne. Er spürte diesen bedrohlichen Abgrund in den man zu fallen drohte, wenn sich niemand um einen sorgte. Wenn nur der aufflackernde Anstand handelt, um in Wirklichkeit jemanden so schnell wie möglich an andere weiterzureichen. Greg war&nbsp; in diesem Moment von zwei Seelen ergriffen. Die eine war ganz nahe bei der jungen Frau, die andere verbarg sich hinter den Mauern mit der demolierten Schranke.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/weiches-fleisch/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wir brauchen mehr Kneipen [fragment].</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/wir-brauchen-mehr-kneipen-fragment/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/wir-brauchen-mehr-kneipen-fragment/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 31 May 2025 20:25:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Überlegungen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4675</guid>

					<description><![CDATA[<p><img width="1024" height="683" src="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image-1024x683.png" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="" decoding="async" fetchpriority="high" srcset="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image-1024x683.png 1024w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image-570x380.png 570w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image-768x512.png 768w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image-700x467.png 700w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2025/05/image.png 1536w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></p><!-- wp:paragraph -->
<p>Ich sehe den freie Willen als eines der entscheidensten Probleme der Gegenwart. Es ist die Frage nach unserer Selbstwahrnehmung. Und der Umstand einer pervertierten Aufklärung, die Zustand ist, also tot. Nach ihr sind wir autonome Wesen, gottesgleich durch originären Willen. Nach ihr ist die Person zu Vernunft fähig, weil sie einen eigenen Willen hat - und nicht, weil sie vernunftbegabt ist. Was von Vernunft übrig geblieben ist, ist die Möglichkeit, den eigenen freien Willen in einer Willenserklärung zu äußern.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aus Willenserklärungen werden Verträge, aus ihnen ensteht Schuld. Sie bedeutet Dissonanz mit der Perspektive, sich ihrer zu entledigen. Sie ist Motivator der rationalen Vernunft und hier endet unsere gegenwärtiger Vernunftbegriff. Der eigentliche Ursprung einer emotional-neuroplastischen Entscheidung wird nicht hinterfragt. Wir sind uns der Fremdbestimmtheit unserer Affekte nicht bewußt, dem&nbsp;<em>Wozu</em>&nbsp;unseres Daseins. Das entscheidet immer der, welcher den Begriff&nbsp;<em>Fortschritt</em>&nbsp;mit seinen Vorstellungen ausschmückt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Fortschritt bedient die Suche nach Selbstwahrnehmung: Schuld ist heute&nbsp;<em>die</em>&nbsp;Dissonanz überhaupt. Sie ist der soziale Kitt der Moderne,&nbsp;<em>das</em>&nbsp;Dispositiv - auch wenn Kapitalismus durch „Technofeudalismus” abgelöst wurde. Zumindest trägt sie den Autonomiegedanken des Vertrags, dem minimalen Ausdruck (Willenserklärung) des autonomen Subjekts. Ohne ihre Verantwortung wird freier Wille problematisch. Und auch wenn Technofeudalismus mit Daten, Profilen und der subjektiven Identität handelt, um Emotionen (desire, Wert) zu erzeugen, braucht er den Anschein von Freiheit, um akzeptiert zu werden. Deswegen kann Schuld nicht abgeschafft werden - sie folgt der Verantwortung der frei-willentlichen Person.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Deswegen besteht die permanente Krise der menschlichen Welt mit der eigenen entfremdeten Selbstwahrnehmung. Es ist eine Frage des Vertrauens in sich selbst das durch Zweifel geprägt ist. Das ist das Gegenteil von trivialer Wiederholung von Botschaften, die in neuroplastische Nervenbahnen geprägt werden. Aus ihnen entstehen unsere persönlichen Urteile. Ihre Fremdheit setzt die Person in einen Modus: dem des Untertanen, der sich auf der Einbildung von Autonomie durch freien Willen begnügt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Man schreibt über diese Dinge, weil man nicht "will", dass sie das Soziale und die Welt zerstören. Obwohl die simple Tatsache, dass das Fehlen von&nbsp;<em>minimum conditions</em>&nbsp;(Schutz, Wärme, Nahrung) jeder Person&nbsp;<em>ureigene</em>&nbsp;Emotionen und Getriebenheiten erzeugt. Doch helfen institutionalisierte Machtsysteme hier nicht mehr. Sie sind keine Freunde, die sich stützen. Ihre Unerbittlichkeit ist Gnadenlosigkeit (des Kapitalismus nach Benjamin) in unaufhörlicher In-Verantwortungnahme. Auch Technofeudalismus, der die Introspektion in die Person millionenfach verfeinert hat, bedient sich Affekten. Es erzeugt seine Werte - die ultimative Gleichschaltung bei nie dagewesener Spaltung durch Algorithmen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Insofern stimme ich zu: die digitale Persönlichkeit ist die neue Macht. Die Möglichkeit unmittelbarer, individuell zugeschnittener Kontrolle. Vom Begehren materieller und immaterieller Güter zum Zwang zu Dissonanz aus ganz persönlicher Furcht. Gepaart mit der Auffassung, selbstbestimmt durch Willen zu sein, wird dieser technokratrische Glaube ein ganz persönlicher. Anders in alten institutionalisierten Religionen, wo eine Botschaft für alle galt, gilt jede für jeden höchstpersönlich. Diese Wahrnehmung der Welt ist eine fundamentale Selbstwahrnehmung, in der alles zusammenpasst - die Fakten, die Argumente, die Umstände, die Lügen ... - die sich persönlich rechtfertigt. Das macht Meinung nicht nur zum Ausdruck von Überzeugung; das macht Kritik an Überzeugungen zur Kritik an der Substanz der Person.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Dieser Spaltung kann nur mit mehr Kneipen entgegnet werden.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/wir-brauchen-mehr-kneipen-fragment/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Brandmauern</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/brandmauern/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/brandmauern/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Jan 2025 22:12:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4383</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p><em>So, Friedrich, haben wir auf’s richtige Pferd gesetzt?</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Friedrichs Hand verkrampfte sich am Telefon. Er blieb gelassen. Das war jahrelanges Training — das immerwährende Durchbeißen, das Behaupten, das Gehört- und Angefeindet-Werden. Das hatte ihn hart gemacht. Und doch war Macht eine volatile Angelegenheit.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>In zwei Wochen hören wir uns.</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Klick. Friedrich atmete tief durch und starrte eine Weile auf das schwarze Display seines Telefons. Er straffte sich, legte zackig kurz seinen Kopf in den Nacken und tätigte einen Anruf.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Ihr druckt neue Plakate, in Ordnung? Irgendetwas, das in die Migrations-Kerbe haut. Nein, ja… weiter ins Blaue. Ja, provokant nicht… wir müssen nicht provozieren. Das machen die Blauen ja. Aber wir… ja… ich werden… ich werde ankündigen, dass wir die Idee fortführen, die von der Regierung ins Spiel gebracht wurde. Haben die nie hinbekommen. Wir erklären, dass wir es hinbekommen. Wir schließen die Grenzen. Das klären wir heute Abend…&nbsp;</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Friedrich legte auf, einigermaßen zufrieden mit sich und doch mit angespannten Kiefermuskeln. Es war tatsächlich ein Wettrennen, doch er war kein Rennpferd und kein Windhund. Er war der Jockey, der das Team, die Partei und die Wählerschaft zu reiten hatte. An ihm lag es, eine Partei mit Regierungsaussicht zu führen. Ansonsten wäre alles wertlos: Keine Macht, keine Parteispenden. Ein unbarmherziger Zirkelschluß, der zerbrach, wenn man nicht leistete.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>[...]</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/brandmauern/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Vertrag: Was uns bindet</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/der-vertrag-was-uns-bindet/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/der-vertrag-was-uns-bindet/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jun 2024 14:16:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Überlegungen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4316</guid>

					<description><![CDATA[<p><img width="1024" height="684" src="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-1024x684.jpg" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="two people shaking hands" decoding="async" srcset="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-1024x684.jpg 1024w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-569x380.jpg 569w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-768x513.jpg 768w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-1536x1025.jpg 1536w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i-700x467.jpg 700w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/06/n95vmlxqm2i.jpg 1600w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></p><!-- wp:paragraph -->
<p><em>Das folgende ist eine zusammenfassende Überlegung zum Kapitel "Vertrag". </em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Vertrag ist eine Einigung zwischen zwei oder mehreren Parteien. Er hat zwei Elemente: Den rationalen Vertragsschluss als solchen und einen Inhalt, der irrational (emotional) geleitet ist. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ein Vertrag erzeugt Schuldverhältnisse und dient als zwischenmenschlicher Stabilisator auf kurze oder lange Zeit. Ungeklärt bleibt seine Motivation: Wozu gehe ich einen Vertrag ein?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Die Privatautonomie hat lange Zeit das Politische ersetzt. Der Vertrag ist zur privaten Sinnfrage geworden; zum einen zur Bestätigung eigener Autonomie und zur Möglichkeit ewiger Befreiung. Er ist grds. unpolitisch, aber wo er seine Funktion als Sinngeber nicht mehr erfüllt (mangels Sinnlosigkeit) oder nicht mehr geschlossen werden kann (mangels Mitteln), hat er keine gesellschaftlich bindende Wirkung mehr. Der Niedergang des Neoliberalismus droht damit auch zum Niedergang offener Gesellschaften zu werden.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Vernunftproblem: <em>Ratio</em> und <em>emotio</em> werden getrennt. Daher haben ein gesellschaftlicher, demokratischer Wert keine Existenz im privatrechtlichen Vertrag. Stattdessen scheint (persönliche) Autonomie des Vertragsschlusses Voraussetzung von Demokratie zu sein: Liberalismus. Der Fokus weg vom Inhalt (emotio) des Vertrags ist <em>Verwissenschaftlichung</em>, die uns von der Welt entfremdet. (Die Erklärung der Welt wird Experten überlassen oder durch Studien und Gegenstudien verworren.) Was zur Erfüllung des Vertrags taugt ist Rationalität, weswegen es wichtig ist, die kognitiv / logischen Fähigkeiten zum Vertragsschluss und zur Vertragserfüllung zu besitzen. Es spielt dagegen keine Rolle, zu welchen Zwecken man Verträge schließt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Dieser noch immer währende Dualismus von ratio und emotio ignoriert absichtlich die Motivation / desire unserer Entscheidungen. Es lässt diesen anderen, den motivierenden Teil unserer Vernunft im Dunklen. Wobei uns die Autonomie als Bedingung zur Möglichkeit zum Vertragsschluss schmeichelt: Hybris und Gottesgleichheit. Der freie Wille ist Bed z Mgl dieser Verantwortlichkeit. Damit wird er ‚von hinten herum‘ begründet. Tatsächlich liegt das Problem des freien Willens philosophisch darin, dass er Ursache ist, welche uns als machtvolle Entität hinstellt und gleichzeitig nicht solche Ursache sein kann. Denn er löst uns aus der Natur und entfremdet uns damit.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/der-vertrag-was-uns-bindet/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gewissen, Wert und Normalisierung</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/gewissen-wert-und-normalisierung/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/gewissen-wert-und-normalisierung/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2024 09:02:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<category><![CDATA[freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4301</guid>

					<description><![CDATA[<p><img width="583" height="768" src="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim-583x768.png" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim-583x768.png 583w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim-288x380.png 288w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim-768x1012.png 768w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim-691x910.png 691w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2024/03/DAF-Logo-neu-2022-ohne-Claim.png 941w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></p><!-- wp:paragraph -->
<p>„Es gibt drei Kräfte auf dieser Erde, die das Gewissen dieser<br>schwächlichen Rebellen zu ihrem eigenen Glück für immer besiegen und fesseln können: Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität.” So schrieb Fjodor Dostojewski in „Die Brüder Karamasow”. Alles kommt in einem Begriff zusammen: dem Wert. Ein Wert hat nach der Definition des Anthropologen Clyde Kluckhohn das desire, das Begehren, im Zentrum. An diesem Begehren mißt sich ein Gewissen. Ist es richtig oder ist es falsch? In einem Wert steckt Wahrheit. In ihm versammelt sich alles, was dem Zweck des Begehrens zuträglich ist. Wahrheit ist etwas, das sich dem indogermanischen Wörtchen wēr nähert. Wēr hat die Begriffe Vertrauen, Treue, Zustimmung als Inhalt. Faktizität ist dagegen Kern der modernen rationalen Definition. Ihr fehlt etwas Substantielles: Die Antwort darauf, wie man aus Fakten ein Begehren erzeugen kann. Goethes Faust lebt das Drama: Trotz allem Wissens fehlt ihm das Erstrebenswerte und mit ihm die Orientierung auf eine Wahrheit hin. Der Zukunft kann man nur mit Sorge entgegen schauen oder Vertrauen schenken. Das ist ein Gefühl. Und das Gewissen? Orientiert es sich nicht an Wert und Wahrheit, um Form zu bekommen? Ein wert-freies Gewissen ist substanzlos. Das freie Gewissen versteht sich dagegen als die Möglichkeit zu einer eigenen Entscheidung deren Konsequenzen – post ante – zu Gewissen führen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Im Jahre 1989 war ich in Sorge. Ich wollte nicht, dass die Mauer fällt. Ich fürchtete, dass der imperialistische Feind auf unsere Seite kommt. Mein vierzehn Jahre altes Gewissen fühlte sich rein an — zumindest wenn man davon absah, dass ich mit meinem Freund Patrick gelegentlich Zigaretten aus der „Ernte 23” Schachtel seines Vaters geklaut hatte. Der Sozialismus war eine Lebensordnung, die ein Kind konditionierte und zugleich behütete. Glücklicherweise endete er als ich zum Jugendlichen initiiert wurde. Sonst hätte ich das Korsett gespürt, das mir wie unter einem römischen Vater, mein ganzes Leben lang keine Emanzipation gewährt hätte.<br>Ich erinnere mich an die Poster an der Wand in unserer Schule: Tarnkappen-Bomber aus denen schwarze Zigarren fielen. Daneben magere, hungernde Kinder in Afrika. Der IMPERIALISMUS! war der Feind und damit jeder Mensch, der für ihn stand. Es gab gute und böse Menschen in dieser Welt, weswegen es im Kindesalter schon mit den Lobliedern auf unsere Soldaten begann („Gute Freunde in der Volksarmee…”) und dem Stolz auf Zugehörigkeit („Ich trage mein Halstuch, das blaue, seht her…”). Ich besaß ein fremdes Gewissen. Es war rosa als ich Kind war und begann sich rot zu färben. Die Chancen wuchsen, dass ich irgendwann meinen Finger am Abzug gegen einen dieser Imperialisten gekrümmt hätte. Zumindest dieser kollektive Teil meines Gewissens wäre rein gewesen.<br>Doch selbst der Arbeiter- und Bauernstaat konnte keinem seiner Bürger die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion nehmen. Die Macht des Apparats musste immer absurdere Versuche unternehmen, um ihre Versprechen zur Wirklichkeit hin zu verbiegen. Irgendwann versuchte sie sich am Verbiegen der Wirklichkeit selbst und scheiterte. Imperialisten, Kapitalisten und Kriegstreiber hin oder her; die Lebensumstände im eigenen Land, die Verpetzer der Stasi, die leeren Konsums, die Beschäftigungsmaßnahmen in den Betrieben. Es war nicht zu maskieren oder schönzureden. Nur Druck, Drohung und Gefängnis blieben, welche das Absurde durchscheinen ließen. Übrig blieb nichts mehr außer diejenigen, auf deren Rücken er vierzig Jahre lang getragen wurde. Die real-sozialistische Ideologie war nicht der erste und der letzte Ethos, der an sich selbst erstickte. Aber er verschwand nicht mit dem Mauerfall aus den Köpfen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Während die Werteordnung des sozialistischen Arbeiter- und<br>Bauernstaats zerbröckelte, begann ich in der Folge an meiner<br>Gewissheit über meine (die rote) Weltanschauung zu zweifeln. Das, was gut und böse oder richtig und falsch bestimmte, verlor Substanz. Die Wahrheit verlor Substanz. Wie kann ich handeln, ohne zu wissen, wie ich richtig handle? Mein Gewissen reduzierte sich auf die Kategorien von gut und böse eines kleinbürgerlichen Anstandes: Man schlägt nicht, man klaut nicht, man übervorteilt nicht, etc. Es hatte sich auf das Minimum meiner kindlichen Konditionierung und Zweckmäßigkeit zurückgezogen.<br>Jahrzehnte später überlege ich noch immer, was Freiheit und<br>Gewissen bedeuten. Noch schwieriger wird es, wenn man beide zusammenführen will: Freiheit, das große Negativum mit dem Gewissen, dass eine positive Ethik fordert. Vielleicht ist kollektives Gewissen ein Indikator von Unfreiheit; einem Gefangensein in fremd vorgegebenen Werten und Urteilen über die Welt. Schon von der Kindheit an. Vielleicht ist ein freies Gewissen das Gewissen eines von fremden Werten freien, dafür ewig zweifelnden Menschen, welches in seiner Freiheit aufhört zu existieren. Die Werte des minimalen Anstands sind ein Thema für sich. Darüber liegt, was mir mit der Wende abhanden gekommen ist: Die normalisierten Werte der Gesellschaft. Sie wurden zu „gemeinsamen Werten”, die eine offene, demokratische Gesellschaft zusammenhalten sollen, welche keine gemeinsamen Werte kennt. Ein Paradoxon, das uns heute zu schaffen macht.<br>Schauen wir mit Dostojewskis Begriffen, die das Gewissen binden — Wunder, Geheimnis und Autorität —, auf die Moderne.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3 class="wp-block-heading">Das Wunder</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Einer Ideologie abzuschwören ist nichts anderes, als einem<br>Glauben abzusagen. Es ist ein aufklärerischer Schritt. Ein Wunder war es für mich, nach der Wende in eine Gesellschaft hineinzugeraten in welcher keine zentrale Instanz die Welt in Gut und Böse unterteilte. Ich und alle „Ossis” mit mir wurden emanzipiert vom diktierten Wir und in eine neue Freiheit des Ich entlassen. So wie über 12.000 Arbeitende des VEB Robotron Sömmerda. Darunter meine Eltern. Die Veränderungen vollzogen sich in rasender Geschwindigkeit. Die sozialistische Hypernormalisierung wurde aufgelöst und seine positivistischen Werte und Wahrheiten mit ihm. Vor allem diejenigen, die ihre Arbeitsplätze verloren, spürten das. Die sozialistische Normalisierung hatte sich bis tief in die tatsächlichen Lebensumstände der Einzelnen eingegraben. Ob jemand eine Wohnung besaß und wo er arbeitete, waren unmittelbare Resultate des vergangenen Gesellschaftssystems. Zurück blieb eine existentielle Leere, die Zweifel hervorrief, nämlich wann eigene Urteile und Handlungen richtig oder falsch waren.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Die neue Freiheit war, ein freies – ein eigenes – Gewissen zu haben; Potenz im existentiellen Niemandsland. Ihr Preis war die Unmöglichkeit eines Gewissens ex ante — bevor allem Denken, Urteilen und Handeln. Ein freies Gewissen zeigt sich beim Urteilen über die Welt, beim Handeln und bei der Reflexion der Handlung im Nachhinein. Jedesmal gibt es Zweifel: Wer über die Welt urteilt, kann nicht wissen, ob sein Urteil wahr (also richtig oder falsch) sein wird; wer handeln will, kann dessen Folgen nur einschätzen und wer die Konsequenzen seines Handelns betrachtet, schaut in die unabänderbare Vergangenheit. Die neue Freiheit war Fluch und Segen: Die Aufgabe, persönliche Werte (Wahrheiten) zu finden, aus denen sich freie Gewissen bilden ist eine, die nie erledigt ist. Sie lädt der Person fortwährenden Zweifel auf. Aber nur so bleibt ein Gewissen frei.<br>Das war, was sapere aude! bedeutete: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ein Wunder ist es, wie die ältere Generation der Ossis den aufgebracht hat. Immanuel Kants und Friedrich Nietzsches Philosophien gewannen plötzlich neue Bedeutungen. Sie wurden zu Negativität, in denen kein normalisiertes richtig und falsch existierte. So, wie die deutsche Verfassung von 1949, die ein Gesetzeswerk ist, das keine Rechte zuschreibt, sondern Abwehrrechte gegen jedermann und den Staat festschreibt. Das, was ich für richtig oder falsch halte, darf nicht von anderen beeinflußt, verboten oder bestraft werden. Die Grundrechte schützen den Kern meiner Freiheiten vor Eingriffen. Und sie geben anderen ein Recht zur Abwehr von Eingriffen durch mich. Sie helfen mir nicht dabei, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.<br>Glücklicherweise gab es die protestantische Ethik, eine „Moral- Light”, an der sich die Ossis orientieren konnten: Alles war erreichbar, wenn man tüchtig sei. Vom Trabi zum VW Golf, vom Tellerwäscher zum Millionär. Das wie war jedem selbst überlassen. Und wenn man von Ethik reden wollte, dann war es die des anthroposophischen Weltbildes vom gnädigen Unternehmer, dessen Vermögen das Soziale als trickle-down am Laufen hielt. Live and let live.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aber wie ist Demokratie möglich, wenn es keine gemeinsamen (normalisierten) demokratischen Werte gibt? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich um die Demokratie nicht kümmere, einmal alle vier Jahre oder gar nicht wähle? Wenn ich antidemokratisch bin? Ernst Wolfgang von Böckenförde hat das Problem der Demokratie in den 1960ern schon erkannt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.” Heute wird es uns drastisch vor Augen geführt durch Umverteilung, demokratiefeindliche Bewegungen und den Klimawandel. Allerdings hat die Werte-freie Demokratie einige Jahre lang weitgehend funktioniert. Bloß wie?<br>Die Antwort findet sich im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1896. Es enthält den Grundsatz der Vertragsfreiheit. Er ist das moderne Wunder, welches erlaubt eine Gesellschaft ohne zentrale Moral, Ethik und Gewissen zusammenzuhalten. Er wird nur durch zwei kurze Gesetzestexte eingeschränkt: Sittenwidrigkeit und Wucher. Beide sind äußerst dehnbar und ändern ihre Bedeutungen mit der Zeit. Ganz im Sinne einer freien Entfaltung, die ihre Werte immer neu aushandelt.<br>Vertragsfreiheit besagt, dass freie, gegenseitig abgegebene Willenserklärungen zu einem Vertrag führen, in dem sich jeder Teil zur Erbringung einer Leistung verpflichtet. Jeder Vertragspartner erhält einen Anspruch auf Gegenleistung. Jeder Vertragspartner schuldet dem anderen eine Leistung. Diese Schuld macht einen Vertragspartner für den anderen berechenbar: Ich frage den Bäcker nach einem Brot und gebe das Angebot ab, ihm Geld dafür zu zahlen. Sobald der Bäcker Anstalten macht, das Brot aufzugreifen, hat er mein Angebot angenommen und schuldet mir das Brot. Ich schulde ihm das Geld. Wir beide erwarten eine Leistung und dabei sind wir uns sicher, dass mein Geld in seine Kasse klimpern und sein Brot in meiner Tüte verschwinden wird. Diese Sekunden haben uns untereinander zu einem Verhalten verbunden, das für einen winzigen Moment Stabilität in unserem menschlichen Verhältnis schafft. Bis die Verfügung (Übergabe von Geld vs. Brot) zum Abschluss des Vertrags führt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Diese individuellen Schuldverträge binden mich und meine<br>Mitmenschen. Sie sind die zu Milliarden verbunden Fäden in der ökonomischen Gesellschaft, die sich damit politisch stabilisiert. Es sind heute die maßgeblichen Dispositive, von denen Michel Foucault schrieb; die zu komplexen Netzwerken verbunden Bindungen und Machtbeziehungen. Schuldverträge sind die tatsächlichen Gesellschaftsverträge geworden. Bis zu den Jahren 2002 (dem Dotcom-Crash) und 2008 (dem Bankencrash) schien das eine wunderbare Angelegenheit, die nur eine persönliche Ethik brauchte: Das Anerkenntnis, dass man Schulden zu begleichen habe.<br>Diese Schuldgeflechte sind dafür verantwortlich, dass Politik und Wirtschaft unzertrennlich scheinen. Politische Menschen hörten ab circa 1980 auf zu existieren. Was einst als Hippie-Culture galt wurde zu einer neoliberalen Idee, in der jede Person ihre eigene Selbstverwirklichung anstrebt. Eine Gesellschaft ohne Staat und ohne staatlich diktiertes Gewissen. Inzwischen ist offensichtlich, dass Banken und Versicherungen zu „Institutionen der Freiheit” geworden sind, weil sie als große Stabilisatoren fungieren. Ihre Schuldverträge sind auf lange Zeit angelegt und binden Menschen, die danach ihre Schulden abarbeiten und Lotto spielen. Friedrich Nietzsche hat so etwas vorausgesehen: „Die liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: es gibt später keine ärgeren und gründlicheren Schädiger der Freiheit…” Ein durch Schuld gebundenes Gewissen ist nicht frei, aber es existiert: Wer Schulden hat, hat eine ethische Pflicht, sie zu begleichen. Das Gewissen eines Schuldners muss sich allerdings nicht moralisch „schlecht” fühlen. Dafür gibt es Zinsen und Vertragsstrafen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Im Dunkeln bleibt, warum man einen Vertrag eingehen sollte. Das meinte schon David Hume, als er von der „wertlosen Fiktion” des allgemeinen Gesellschaftsvertrags schrieb, den Thomas Hobbes als Leviathan und Jean Jaques Rousseau als volonté generale konstruierten. Die privaten Verträge sind heute das Wunder, das freie Gesellschaften stabilisiert und das Gewissen bindet. Ihr Abschluss ist autonom, weswegen heute die Privatautonomie mit freiheitlicher Demokratie verwechselt wird. Wo sie sich entfaltet, wird so getan, als hätte sich Aufklärung ihren Weg gebahnt. Aus diesem Grund gebiert sich Ökonomie als Wissenschaft und trennt säuberlich das Rationale vom Emotionalen. Auf der einen Seite stellen sich Schauspieler in weißen Kitteln hin und empfehlen Zahnpasta mit einer implizierten Autorität der Wissenschaft. Auf der anderen Seite häufen sich Studien und Gegenstudien zu Belangen wie der Schädlichkeit von Nikotin oder der Frage nach dem menschengemachten Klimawandel. Der informierte Geist glaubt sich als Autorität, welche autonom über den Abschluss von Verträgen verfügt. Aus ihm folgt die Verpflichtung zur Leistung, die Schuld, die man sich autonom auflädt. Diese Verantwortung wird zur ethischen Bewertung des Handelns: Alles, was zur Vertragserfüllung dient ist grundsätzlich richtig. Der Fokus bleibt dabei auf der Freiheit des Vertragsschlusses selbst, autorisiert durch die Person und ihre freie Entscheidung. Im Sinne Dostojewskis ist das Gewissen in jedem Vertragsschluss gebunden und mißt sich an der Schuld zur Leistung, die man sich auflädt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3 class="wp-block-heading">Das Geheimnis</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Für das Gewissen eines Ossis war die Privatautonomie und die protestantische Ethik großartig, denn richtig war alles, was zum Begleichen von Schuld führte. Ein Gewissen entsteht durch Bindung innerhalb eines Vertrags. Es ist ein Gewissen, das sich allein auf die Verantwortung aus einer autonomen Willenserklärung ergab und zu einer höchstpersönlichen Schuld wurde. Bis von Kinder- und Sklavenarbeit gesprochen wurde. Bis bei Foxconn Arbeiter in den Tod sprangen und in Verpackungen chinesischer Produkte Zettel mit Hilferufen von Zwangsarbeitern gefunden wurden. Das waren Probleme, die außerhalb der Verträge lagen, in der Frage, ob man überhaupt das billige T-Shirt oder die Sneaker hätte kaufen sollen. Für so belastete Gewissen gibt es inzwischen eine Menge von Gütesiegeln (Versprechen), an denen es sich zurückziehen kann: MSC, FSC, Bio- Siegel, EU-Ecolabel, Rain Forest Alliance Certified, Fairtrade, UTZ, SA8000, Leaping Bunny, etc. etc. Die Rettung der Welt liegt in der Hand der einzelnen Person und erfordert wenig Gewissensanstrengung vor dem Vertragsschluss.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das Geheimnis, von dem Dostojewski behauptet, dass es das<br>Gewissen fessele ist der Glaube an das Konzept des freien Willens. Hier materialisiert sich das, was Kant unter sapere aude! zusammenfasste. Eine Person, die Aufklärung als Rationalismus versteht fokussiert auf diesen immanenten freien Willen, der sie autonom macht und in die Lage versetzt, Verantwortung zu übernehmen. Freier Wille ist Voraussetzung zur Möglichkeit von Privatautonomie. Gütesiegel und Zertifizierungen sind eines von vielen Mitteln, den Fokus des Einzelnen von der Frage abzulenken, warum sie ein Vertrag schließt. Ein Gewissen außerhalb von Verträgen wäre gefährlich für die Stabilität dieses Systems, weil es den Abschluss von Verträgen hindern könnte. Das Bestehen von Verträgen ist wichtiger als ihre Inhalte — ihre Ethik — geworden. Das Geheimnis liegt im fortwährenden Antrieb, der sich als rational-modern gibt und das Verweilen im Moment unmöglich macht. Eine Vernunft, die immer von hier und jetzt weg muss, um zur Freiheit hin produktiv zu sein. Sie ist ein Getriebensein in Bindung.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ökonomen reden seit Auguste Comté oder Eduard Spranger vom „Nutzenoptimierer”: „Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung.“ Sie reden von einem egozentrischen Gewissen, das keine soziale oder ökologische Verantwortung kennt. Der Psychologe und Wirtschaftswissenschaftler Daniel Kahnemann hat am Ende des letzten Jahrhunderts diesen nutzenmaximierenden homo oeconomicus widerlegt. Im „Anker-Effekt” macht er beispielsweise deutlich, dass Menschen dazu tendieren, sich bei Entscheidungen an zufälligen oder vorgegebenen Werten („Ankern”) zu orientieren, auch wenn diese Werte für den (rational erwarteten) Nutzen irrelevant sind. Seine Erkenntnisse sorgen für allgemeine Verwirrung, denn sie hat Risse in die pseudo-aufklärerische Begründung der Ökonomie als „vernünftige Ordnung” gebracht. Hier zeigt sich Aufklärung als Prozess: Menschen Freiheit durch Zweifel zuzugestehen. An einem solchen Punkt steht das frühe 21. Jahrhundert: An dem alle Register einer neoliberalistisch dogmatisierten Gesellschaft gezogen werden. Dogma ist der oben genannte Nutzenmaximierer, dem umfassende Individualität und ein freies Gewissen nicht gut tut. Es scheint wichtiger, die Autonomie der Person zu betonen als Inhalt und Ursprung des „Nutzens”.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das Konzept des freien Willen macht uns gottesgleich. Oder sagen wir, unser Glaube daran. Denn nach Kant ist eines der (wenigen) geistigen Vermögen des Menschen die Herstellung von Kausalität. Alle Wirkung hat eine Ursache. Allerdings hat der freie Wille gerade keine Ursache, sondern er ist Ursache selbst. Wir lassen uns allenfalls dazu hinreißen, der Emotion, die durch — kausale — Sinneseindrücke geweckt wird, einen gewissen Einfluß zu verleihen. Dennoch trennen wir die Emotionen (die Affekte) sorgfältig vom Rationalen ab; und das Ich, der Ursprung des freien Willens und des Gewissens, wird damit zum Erzeuger von Urteil und Handlung in der Welt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Dieses autonome Ich ist ein Konstrukt unseres Verstandes, der sich selbst schmeichelt. Denn wenn die Person die originäre Ursache von Veränderungen in der Welt wird, dann ist sie Gott. Dann ist das, was sie entscheidet ohne eine Ursache davor entstanden. Aus dem Nichts, so wie Gott die Welt schuf. Diese Egozentrik ist notwendig für das Gefühl, seines eigenen Glückes Schmied, also fähig zu Selbstwirksamkeit zu sein. Es führt dazu, die Welt nur noch als Umwelt zu begreifen, als etwas, das außerhalb von uns existiert und das es zu kontrollieren gilt. Und obwohl die Neurowissenschaft dieses Konzept schon eine Weile lang kritisiert, fesselt uns die Moderne mit diesen Glauben an das autonome Ich als Erzeuger eines Willens, der mit Mündigkeit im Sinne der Aufklärung gleichgesetzt wird.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das Ökonomische versteckt sich hinter der Fassade einer falsch verstandenen Aufklärung. Sie rückt die denkende und frei entscheidende Person in den Mittelpunkt als fraglose Autorität und läßt ihre Motivation, ihr Begehren im Dunkeln. Deswegen funktioniert sie auch politisch — bei jedem von uns — indem sie sich liberal gibt. Freier Wille wird aus Verantwortung begründet. Ohne Verantwortung gibt es keine Schuld, die einen Vertrag bindend macht. Verantwortung für meine Handlungen ist nur dann möglich, wenn es frei-willentliche Handlungen des (verantwortlichen Ichs) sind. Der freie Wille ist dazu notwendig — aber aus diesem Zirkelschluss nicht erwiesen. Er bleibt das Geheimnis, das unser Gewissen nicht frei sein läßt, weil der Antrieb unserer Entscheidungen emotional und kollektiv schwer zu reflektieren ist. Die Substanz, die das Konzept des freien Willens möglich macht ist demnach nur der Glaube daran. Er ist eine Wertung, eine Wahrheit, die nicht erwiesen ist und unsere Gewissen vor dem Eingehen eines Vertrags nicht frei sein läßt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3 class="wp-block-heading">Die Autorität</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was&nbsp;<em>richtig</em>&nbsp;– also von Wert – ist, entscheidet eine Person für<br>sich und sie empfindet es anmaßend, wenn in diese Urteile eingegriffen wird. Daher fühlt sich die gegenwärtige Gesellschaftsordnung frei an. Wir verhandeln Werte untereinander. Für Verträge, die uns in Schuld mit anderen setzen, fehlt allerdings ein entscheidendes Element, das uns dazu bewegt, solche einzugehen: Motivation oder das&nbsp;<em>desire</em>&nbsp;von dem Kluckhohn meint, es sei die Essenz von Wert.<br>Auch wenn uns die Moderne (bzw. wir selbst) uns glauben machen, dass wir (das Ich) die Autorität sind, die sich in Verantwortung begibt, steckt etwas anderes dahinter. Siegmund Freud hat das vor über hundert Jahren mit dem Unbewußten auf die Gefühle geschoben. Zwar mit dem kapitalen Fehler, diese Triebe als böse zu deklarieren, allerdings mit Folgen für das ganze 20. Jahrhundert. Es ist akzeptiert, dass unsere Motivationen emotional und nicht rational herleitbar sind. Der Neoliberalismus setzt auf diese individuellen Motivationen, ähnlich wie der Schutz individueller Freiheitsrechte. Das bedeutet allerdings nicht, dass Neoliberalismus individuelle Freiheit unangetastet läßt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Im Vertrag, bzw. seiner Leistung für mich, liegt ein Wert auf<br>welchen ich hinstrebe. Was wert ist, angestrebt zu werden, muss logisch wahr für mich sein. Erinnern wir uns an seine<br>indogermanischen Wurzeln: Vertrauen, Treue, Zustimmung. Vertrauen schafft, wie u.a. Kahnemann darlegt, die ständige Wiederholung einer Botschaft. Sie wurde zu DDR-Zeiten in mich hineingetrommelt und -gesungen. Bis ich glaubte, dass der Sozialismus wertvoll sei und alle seine realen Begleiterscheinungen. Das war Propaganda. Heute heißt das public relations. Werbung schafft Vertrauen durch ständige Wiederholung. Wenn man mit einem Produkt zufrieden ist, bleibt man ihm treu. Und neuen Produkten der selben Marke stimmt man tendenziell a priori zu. Man schwört auf Adidas, BMW oder Coca-Cola. Es ist der Affekt, der uns motiviert einen Vertrag einzugehen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Affekt ist etwas, das von Außen auf mich eindringt und<br>Emotionen weckt. Er schiebt mich als Person aus meinem Zentrum indem er Erstrebenswertes und damit Wert erzeugt. Aber ist es mein Wert? Die Kehrseite dieses Bedürfnisses ist, dass dieses Erstrebenswerte mich unzureichend macht: Ein Gefühl von Unvollkommenheit wird geweckt. Ohne diese Smartwatch oder dieses E-Auto komme ich nicht weiter. Es wird zur Aufgabe, auf den Wert hin zu streben, der von diesem Gefühl des Unzureichend-Sein befreit. Die Moderne hat sich die Verknappung des Glücks zum Gegenstand gemacht. Plakativ zeigt sich das dort, wo man zu arm, zu dick, zu faul, zu häßlich, zu dumm gemacht wird. Das Ziel wird die eigene Mitte, die es wiederzufinden gilt. Das optimale Ich, das dem tatsächlichen überlegen ist, das besser ist. Die Traumvorstellungen dieses Ichs zeigen sich in digitalen Filtern. Was hat das alles mit Gewissen zu tun?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das Gewissen bindet sich am Affekt, aus dem Erstrebenswertes (desire) entsteht. Der Wert ist immer ein Befreiungsakt vom Unzureichend-Sein. Autonom ist nur die Rationalität, mit der wir versuchen, uns zu befreien. Gegenüber der Ursache des Wertes, nach dem wir streben, sind wir ignorant. Dummerweise bewahrt Ignoranz geistige Integrität. Das eigene Weltbild schützt sich vor unbequemen Tatsachen, um rund und intakt zu bleiben. Hat man allerdings das eigene Unzureichend-Sein aus Affekt akzeptiert, schließen wir Verträge, um einen Befreiungsakt von dieser Unvollkommenheit zu erreichen. In diesem Licht wird Freiheit zum ultimativen Wert.<br>Wer vorbehaltlos, kritiklos und wertungsfrei eine Affektion<br>aufnimmt, nimmt inhärent Ignoranz gegenüber seinem eigenen Gewissen auf. Wer Make-Up auflegt, befreit sich vom Gedanken an Tierversuche. Wer digital produziert, denkt kaum an die Energie, die dafür aufgewendet werden muss. Wer Fleisch ißt, denkt nicht an Schlachthöfe. Wer billige Klamotten kauft, hat keine Gerberei in Bangladesch vor Augen.&nbsp;<em>Ignorance is bliss.</em><br>Die Gewissen-bindende Autorität ist nicht das autonome Ich, sondern der Affekt, der uns zum Eingehen von Schuld und Verantwortung bindet.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3 class="wp-block-heading">Normalisierung</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Neoliberalismus hat uns ein Leben ermöglicht, welches die<br>Wirklichkeit einer offenen demokratischen Gesellschaft greifbar macht. Er hat uns von der Notwendigkeit politischer Ideologie befreit — ganz im Sinne der Verfassung. Er hat jedoch eine Bedingung: den Rückzug des Gewissens in’s Egozentrische in Form von affektgetriebener Privatautonomie unter dem Leistungsgedanken. Im Gegenzug verspricht er für jedes schlechte Gewissen Werte in Form von Lösungen und Produkten. Seine Konsequenzen sind weltweit spürbar: Ausbeutung, Ressourcenverschwendung, ein absurdes Wachstumsparadigma und Klimawandel.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Neoliberalismus hat uns vom Zweifel am Dasein weitgehend befreit und unter dem rationalen Tüchtigkeitsgedanken, dass jedes Problem (technologisch) lösbar sei, (u.a. zu Konsumenten) normalisiert. Preis ist die Akzeptanz, unzureichend und unvollkommen zu sein. Eine Ethik, welche mit Ängsten operiert. Indem sie die Gegenwart oder die Zukunft als sorgenvoll darstellt, treibt sie zu rationalen Lösungen an. Mit der positivistischen Aufladung von Affekten stellt sie sich gegen die aufklärerische Negativität, der Abwesenheit von allgemein gültigen Wahrheiten und postuliert dennoch eine eigene.<br>Mit Absurdität kämpfen wir gegen das Absurde an: Wachstum ist notwendig, um das Versprechen jederzeit erneuern zu können, sich immer wieder von diesem Unzureichend-Sein befreien zu können. Daher gibt es App gesteuerte Mülleimer, USB-beheizte Handschuhe, Bananenschneider, Selfie-Sticks für Haustiere, etc. Utopien wie selbstfahrende Autos oder Marsflüge sind Propaganda konservativer Technokraten, welche die Definition von „Fortschritt” für sich einnehmen. Kaum anders als in der späten DDR: Die Versprechen werden so absurd, dass sie sich nicht mehr an der Wirklichkeit messen lassen können. Und die Versuche, die Wirklichkeit an die Versprechen („Befreiung”) anzupassen, haben die Ausrufe von Terror, von Inflation und Deflation, Staatsschulden und Kriegsgefahr gezeigt. Die 2001 in den USA eingeführte „Terror-Ampel” steht seitdem auf Gelb. Fortwährend. Diese Getriebenheit macht müde. Sie ist die Achillesferse jenes neuen Liberalismus an, der gerade zugrunde geht und droht, die offene Gesellschaft mitzureißen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>So finde ich mich als ehemaliger DDR-Bürger in einer Gesellschaft wieder, deren Bindung durch Affekte erzeugt wird, die ich kaum verstehe. Wieder bin ich von fremden Urteilen beherrscht, die einen Ewigkeitsanspruch tragen. Die permanente (Selbst-)Befreiung von unserem Unzureichend-Sein hatte den Vorteil von der grundlegenden Absurdität des Daseins abzulenken. Wir sind immer damit beschäftigt, uns aus scheinbar dissonanten Lagen zu befreien. Diese Verhaltensmuster tragen wir in die gegenwärtige Transformationsphase. Es kommt für freie Gewissen darauf an, ob wir uns selbst von diesen Konditionierungen lösen können oder nicht.<br>Dostojewksi sieht es kritisch: „Oder hast du vergessen, daß Ruhe und sogar der Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts kann den Menschen mehr verführen als Gewissensfreiheit, aber auch nichts ist qualvoller für ihn.“ Die gegenwärtige Suche nach „gemeinsamen Werten” scheint ihm recht zu geben. Viele Menschen flüchten sich von einer Ideologie in die nächste und nehmen willkommen eine positive Aufladung ihrer Weltbilder durch fremde Werte an. Überragend ist dabei ihre naivste Form: Die Flucht in’s Konservative, die zum Identitären reicht. Menschen, die jahrzehntelang unpolitisch waren, suchen nun nach ihrem Selbstwert, weil sie sich von der Möglichkeit zu Verträgen in der neoliberalen Gesellschaft ausgeschlossen fühlen – oder in Sorge darüber sind.<br>Wer nicht mehr in der Lage ist, sich in Verträge zu begeben, kann sich nach dieser Logik nicht aus dem Unzureichend-Sein befreien. Zuflucht wird gesucht in Identität und Zugehörigkeit. Es geht nicht darum, „deutsch” zu sein, sondern um den wärmenden Inhalt der Versprechen drumherum: Ein freier, sorgenloser Mensch zu sein. Eine neue Ethik wird gesucht, weil Transformationsphasen aufklärerisch und furchteinflößend sind: sie sind ungewiß und stellen den Ewigkeitsanspruch eigener Wahrheiten, die plötzlich zerbröckeln, in Frage. Zweifel wird zur Qual.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Freiheit wird plötzlich zur unbegrenzten Möglichkeit, deren<br>Begriff leer und offen ist — und das Gewissen ebenso. Freiheit gewinnt ihre Konturen erst dort, wo sie verletzt wird. Wird Freiheit beispielsweise mit „Abwesenheit von Mauern“ definiert, ist das eine negative Abgrenzung. Das Substantielle findet sich allerdings darin, dass ein Umstand festgelegt wird, der im Denken immer einen positiven Begriff der Mauer erfordert. Diese Mauer tritt als substantielles Etwas in die Definition ein, die sie gerade ausschließen will. Das Nicht-an-den-rosafarbenen-Elefanten-Denken scheint notwendig und ist paradox: Erst wenn ich weiß, woran ich nicht denken soll, kann ich nicht an dieses Etwas denken. Diese Mauern werden wieder mit den alten Sprüchen bepinselt: Die Asylanten, die Eliten, die Verschwörungen gegen „uns” und unsere Freiheit. Ein dissonantes Gefühl der Unfreiheit zu erzeugen und zu nutzen ist Voraussetzung und der älteste Affekt im Buche. Oder wie Albert Camus schreibt: „Ich mache es wie so viele Beamte des Geistes und des Herzens, die mir nur Abscheu einflößen und die, das sehe ich jetzt genau, nichts anderes tun, als die Freiheit des Menschen ernst zu nehmen.“</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das aufgezwungene Gefühl von Unfreiheit trägt immer das<br>trügerische Versprechen, dass wir uns von ihr befreien könnten. Ein freies Gewissen ist eins, welches ewig geltende, positivistische Werte nicht akzeptiert. Sie sind die Gesichter, die der Angst gegeben wird. Freien Gewissens zu sein bedeutet, den Ewigkeitsanspruch von Wahrheit immer in Zweifel zu ziehen — und damit sich selbst.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/gewissen-wert-und-normalisierung/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zweifelhafte Kreuzworträtsel</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/zweifelhafte-kreuzwortraetsel/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/zweifelhafte-kreuzwortraetsel/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Apr 2023 09:52:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zweifel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=4182</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p>Zweifel ist wichtig. Zweifel kann aber auch unpraktisch sein. Wenn in einem Kreuzworträtsel die Lösung zur Frage „gewollte Handlung“ als „Tat“ festgelegt ist, kommen mir Zweifel daran. Im Strafrecht ist eine Tat zunächst der objektive Tatbestand, also das, was sich als Fakt ereignet hat. Es ist die Handlung des Täters, welcher Sachen, Werte oder Leben beschädigt oder zerstört. Dazu gesellt sich der subjektive Tatbestand. Das ist die Seite, welche von einem bewußten oder wenigstens einem in-Kauf-nehmenden Willen getragen ist. Wer also beispielsweise einen anderen Menschen mit seinem Auto anfährt und verletzt, kann das fahrlässig, also ohne bewußten Willen getan haben.  Er hätte aber auch, zum Beispiel bei Raserei, ahnen müssen, einen solchen Unfall zu verursachen.  Dann spricht man von grober Fahrlässigkeit. Die Grade des Willens spielen hier keine Rolle. Dieser kleine Ausflug in das Strafrecht soll verdeutlichen, wohin grundlegende Zweifel führen können.  Wäre die Tat immer willentlich, würde jede Straftat vorsätzlich begangen. Das Strafmaß fiele immer maximal aus. Nehme ich die „Tat“ als Lösung im Kreuzworträtsel also hin? Oder denke ich darüber nach und entgegne? Letzteres ist anstrengend und im Kontext eines Kreuzworträtsels und dem Wörtchen „Tat“ scheint Nachdenken müßig, geschweige denn, die Redaktion zu kontaktieren und die Dinge klarzustellen. Wer tut das? Rentner? Arbeitslose? Gelangweilte? Pedanten?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>An diesem kleinen Beispiel beginnt etwas, das zu einem größeren Problem der Faktizität und der Konvention untereinander wird. Unsere Sprache muß akkurat sein, sonst entstehen Missverständnisse. ‚Wehret den Anfängen!‘ heißt es so schön. Aber auch bei einem lächerlichen Wort mit drei Buchstaben in einem Kreuzworträtsel einer Regionalzeitung? Im Grunde ja. Wenn der Mensch die Unterscheidung zwischen willentlicher und unwillentlicher Tat nicht treffen kann, weil Tat nach jenem Kreuzworträtsel immer die „willentliche“ Tat meint, verschieben sich Sinngebungen. Das Wörtchen „Tat“ wird überladen und spezifisch. Und weil die Tat uns allen als so fundamental in ihrer Bedeutung geklärt erscheint, so unscheinbar, verwenden wir das Wort weiterhin mit einer entfremdeten Sinngebung. Wir denken von nun an anders. Der fundamentale  Begriff „Tat“ wird in unserem Denken immer mit dem Willen des Handelnden verbunden. Immer, wenn wir über Handeln nachdenken, hat es etwas mit Absichtlichkeit tun. Wir — und das steht am Ende einer absurd scheinenden Überlegung — verstehen uns selbst nicht mehr und mißverstehen uns gegenseitig. Sie sehen welchen Aufwand es benötigt an allem zu zweifeln. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aber wie kann man eine eigene Position vertreten, die aus Teilen wie Wörtern, Sätzen, Urteilen und Gefühlen besteht, wenn man jeden dieser Teile zweifelsfrei geklärt haben sollte? Das kann man nicht. Zu keiner Zeit kann der Mensch eine Aussage über sich oder die Welt treffen, die er zu einhundert Prozent vertreten kann. Sich dessen bewußt zu sein ist alles, was der Zweifel von einem praktischen Menschen verlangt.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Im Grund sollte man sich jedem aufkeimenden Zweifel hingeben, ihn zulassen, um zumindest <em>irgendwann</em> darüber nachdenken zu können. Auch wenn es nur Sekunden sind: Wir sollten es als geistige Reinigung betrachten, deren Resultat nicht in einer aufklärenden Lösung enden muß. Es genügt zu wissen, dass man bestimmte Wörter, Konzepte, Urteile oder „Fakten“ nicht vollends aufgeklärt haben kann. Wenn es daran geht, diese Gedanken „anzuwenden“, ist vielleicht wieder Zeit für Zweifel, Zeit für <em>Bedachtheit</em>. Wichtig dabei ist es, seinen eigenen Urteilen nur soviel Vertrauen zu schenken, dass man mit ihnen leben und sich doch immer wieder eines besseren belehren lassen kann.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/zweifelhafte-kreuzwortraetsel/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Geburt der Zyniker</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/geburt-der-zyniker/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/geburt-der-zyniker/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Apr 2021 11:25:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=3855</guid>

					<description><![CDATA[<p><img width="816" height="768" src="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-816x768.jpg" class="attachment-large size-large wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-816x768.jpg 816w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-404x380.jpg 404w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-768x723.jpg 768w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-1536x1445.jpg 1536w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-2048x1927.jpg 2048w, https://www.thepersonalist.de/wp-content/uploads/2021/04/wim-van-t-einde-H8rFt9osgnM-unsplash-700x659.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></p><!-- wp:paragraph -->
<p>Menschen klammern sich an Zeit als eine beständige, kalkulierbare Regel. Wir brauchen Takt, um zu ihm tanzen zu können. Die Flucht zur Entledigung von existentieller Langeweile und notwendiger Konfrontation mit dem Selbst.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Sag’ mir, was zu tun ist!</em> Die wahre Aufklärung hat es nicht in die Köpfe der Menschen geschafft; sie hat die Leere nicht genommen in welche wir unsere Fragen rufen. Darum nehmen wir gerne Hilfe in Anspruch. Die heilige Dreifaltigkeit, das Heilige selbst, ist ein interessanter Ansatz mittels Mystizismus <em>Faith</em>, Urvertrauen, entstehen zu lassen. Religion kann man so auslegen, daß sie im Kern den Ausruf Kant’s <em>sapere aude!</em>&nbsp;mitträgt. Mit dem Unterschied, daß die Kirche nicht Vertrauen in das eigene Selbst, sondern in eine höhere Macht legt. Was für ein Geniestreich!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:separator -->
<hr class="wp-block-separator"/>
<!-- /wp:separator -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>In der blumigen Auslegung der Lutherschen Reformationsideen ist der Glaube ein ureigener. Er ist&nbsp;<em>Gottvertrauen</em>&nbsp;in den eigenen Glauben selbst und in die Existenz der Barmherzigkeit und Liebe als ewiges Wachsendes, Behütendes. Nüchterne Exegesen beschäftigten sich allerdings mit der Frage nach Praktikabilität. So einfach ist es nicht, dem Menschen Vertrauen einzuhauchen. &nbsp;Barmherzigkeit und Liebe kommen für den Menschen nur vom Menschen. Die Welt der Erhärteten Ängstlichen ist es nicht. Der Mensch braucht Zeichen und Wunder. Um seinen existentiellen Zweifel in einer tatsächlichen Welt mit metaphysischem Vertrauen zu vertreiben, haben die Protestanten nachhaltig Zeichen gesetzt.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>In Momenten, wo jemandem weder Barmherzigkeit noch Liebe zuteil wird, nagt der Zweifel, ob der sinnleere Abgrund, das Fegefeuer, etc. nicht der unentrinnbare Fall ist. Nein, sagt der Protestant, das Leben ist Leid, doch der Bürde folgt Seligkeit. Und wenn nicht, dann ist das nicht zu ändern. Es sei denn - und hier ist der folgenreiche Zynismus in protestantischer Logik - man zeigt, daß man dazu geboren ist. Der nämlich, welcher tüchtig ist, der mag auserwählt sein.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Hier ist die Geburtsstunde des Zynikers. Jener erkennt, daß ein Mensch Wunder und Zeichen braucht. Im Jargon der Zeit kann man sagen, daß Sklaverei für den Zyniker eine Win-Win-Situation ist. Er befreit die Menschen aus ihrer Angst vor Mündigkeit, während die Menschen seine Mühlräder drehen. Kirchensteuer, Arbeitsethos und nun Terrorängste.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Takt ist schneller geworden. Instinktiv sind wir in einem Zeitalter der Eindämmung angekommen, wo Mystizismus, Religion, Ideologie, Entertainment der Panikmache weichen. Ist die protestantische Ethik der Freiheit durch Arbeit am Ende? Ist der ökonomische&nbsp;Wachstumsmythos aufgebraucht? Wachstum bedeutet Frequenzerhöhung. Diese kann man durch Anreize (Geld) und Panikmache (Informercials) erreichen. Ein panische Spirale der Illusionen, in welcher Angst, die ultima ratio, um sich greift. Selbsterhaltung eines Systems, dessen Zeit gekommen ist.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ein System, in welchem Banken “systemkritisch” genannt werden, hat sich mit seinem Zynismus weit aus dem Fenster gelehnt. Und seine Teilchen nehmen es dem System übel. Das Wirrwarr des Informationszeitalter läßt den Menschen sich nach einfachen, sequentiellen Antworten (i.e. Wahrheiten) sehnen. Das weiße Rauschen ist nervtötend geworden. Was folgt Panikmache? Vielleicht, daß die Fassade demokratischer Mitbestimmung zu bröckeln beginnt. Die einen fordern heute politische Aktion und folgen denen, die sie am lautesten versprechen. Andere sind in der Zwickmühle, einen Humanismus zu vertreten, der inzwischen pervers eng mit einer Ökonomie der Gier verwobenen ist. Die freiheitlichen Werte der Demokratie werden von jenen hochgehalten, welche sie jahrelang unterminiert haben. Die Verfechter der protestantischen Arbeitsethik werden zu Zynikern - gewollt oder nicht. Sie halten die Errungenschaften eines ökonomiegetriebenen Sozialsystems hoch, welche nichts als Erinnerung sind.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Mensch steht im Wettbewerb gegen seinesgleichen <em>Homo homini lupus</em>. Dabei ist die gegenwärtige Situation kein Naturzustand, sondern ein künstliches Gesellschaftskonstrukt. Also halten wir uns fest an der Religion der Märkte und ihrer “Selbstregulierungsmechanismen”, deren Zweck doch nur jener ist, für eine immer kleiner werdende Bevölkerungsschicht profitabel zu bleiben. Der Mechanismus des zynischen Hirten ist ein ewiger. Es wird immer Menschen geben, die anderen zu Lebens-Vertrauen verhelfen und sie im Gegenzug ihres materiellen Lebens berauben, vor allem ihrer Zeit.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Sapere aude! </em>Bediene dich deines eigenen Verstandes! Oder besser noch: Wichtig ist, daß der Mensch aufrecht geht. Dies scheint mir die einzige Verteidigung gegen die Ausbeutung menschlicher Daseins-Zeit.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/geburt-der-zyniker/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Funktionieren die Bleichmittel?</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/funktionieren-die-bleichmittel/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/funktionieren-die-bleichmittel/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Mar 2021 09:43:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=3846</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Eine Szene unter Eheleuten im gemeinsamen Badezimmer.</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sag mal, funktionieren die Bleichmittel?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Genaugenommen nein. Wenn sie deine Gesundheit nicht gefährden würden, dann ja.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aber sie machen weiße Zähne?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sie werden heller, ja.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Also ja!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was ja?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Stellst du dich gerade dumm oder... Na, die Zähne werden weiß! Also funktionieren Bleichmittel. Herrgott.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Da mußt du jetzt nicht die Augen verdrehen!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Tue ich gar nicht.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Doch, tust du.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Du bist manchmal...</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ja, bitte?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Herr im Himmel! Dann spuck’ es aus! Erkläre mir, wieso ein Bleichmittel, das die Zähne heller werden läßt <em>nicht</em> funktioniert!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Weil du jetzt hohen Blutdruck hast. Das gefährdet eben deine Gesundheit.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ernsthaft. Ich frage nicht nochmal.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was bedeutet für dich denn “funktionieren”?&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Dass es funktioniert!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Tsk.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>(Böser Blick) Tsk!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Okay. Wenn was für dich funktioniert, dann wirkt es.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Genau.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Es wirkt, weil es genau das erreichst, was du dir davon versprichst.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ahem.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Versprichst du dir nicht auch davon, dass es dich nicht krank macht?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das ist selbstverständlich.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aber es macht dich krank!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aber es macht meine Zähne weißer. Es ist seine unmittelbare Wirkung.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Aha!</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Unmittelbar.</em> Also, wenn du nicht gleich merkst, dass du krank wirst, ist das nicht wichtig.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Alles macht krank.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wow.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Zu fatalistisch für dich?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Nein, zu zynisch. Du hast übrigens weiße Zähne.</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/funktionieren-die-bleichmittel/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sexskandal im argentinischen Parlament &#8211; ein Gespräch</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/sexskandal-im-argentinischen-parlament-ein-gespraech/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/sexskandal-im-argentinischen-parlament-ein-gespraech/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2020 19:56:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=3700</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p>Was sagen sie über den Sex-Skandal im argentinischen Parlament? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was meinen sie? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ein Abgeordneter hat über eine Internet-Konferenz seiner Frau den Pullover heruntergezogen und ihr auf die nackte Brust geküsst. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ich bin nicht hergekommen, um über Lippen zu reden, die nackte Haut berühren. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Auch nicht, wenn es sich um aber um einen Politiker handelt? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Spielt das eine Rolle? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sagen sie es mir. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ich glaube, sie haben ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Der ganze Westen hat eines.  </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wie meinen sie das? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Dieses Gespräch gerade ist ein weiterer Beweis für die Verkommenheit des Humanistischen… </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>— des Humanistischen? Was hat das mit Sexualität zu tun? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Sex ist menschlich. Wenn ich sagen würde, dass ich sie gerne küssen würde, oder dass sie eine attraktive Frau sind, wie reagieren sie? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>… </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Genau. Sie denken nach. Sie denken darüber nach, ob sie geschmeichelt oder verärgert sein sollen. Und im Grunde bemerken sie, dass sie sich, in dem Moment, wo ich mich als Mann (oder Frau) offenbare, bedroht fühlen müssen.  </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ich fühle mich nicht bedroht. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Und wenn wir alleine wären? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das führt jetzt zu nichts. </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Doch. Eben. Der Gedanke setzt noch einen drauf. Fühlen sie die Unsicherheit in sich hochkriechen? Ist das jetzt Belästigung, weil wir nicht aus Distanz über Sexualität reden, sondern ich sie persönlich anspreche? </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Also, wenn sie persönlich werden… </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ich bin im Konjunktiv geblieben. Sie sind sicher attraktiv, doch ist das noch keine Absichtsbekundung. Ich werde sie nicht küssen.  </p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Gut, ähm, dann reden wir weiter über ...</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Anlass dieses fiktiven Talkshow-Gesprächs ist ein Artikel über einen argentinischen Politiker, der während einer Videokonferenz seiner Frau auf die nackte Brust küsste. Die Quelle nenne ich hier nicht, weil dieser Journalismus es nicht wert ist, gelesen zu werden.</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/sexskandal-im-argentinischen-parlament-ein-gespraech/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Autorität der Meinung</title>
		<link>https://www.thepersonalist.de/die-autoritaet-der-meinung/</link>
					<comments>https://www.thepersonalist.de/die-autoritaet-der-meinung/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 May 2020 10:54:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte & Essay]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.thepersonalist.de/?p=3315</guid>

					<description><![CDATA[<!-- wp:paragraph -->
<p>Die Autorität der Meinung</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p><em>Wie der Ausnahmezustand zur Probe gesellschaftlicher Kommunikation wird</em></p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Staat umschließt mich gerade schützend mit seinen Armen. Es steht nicht in meiner Macht, die Enge dieser Umklammerung zu lockern, noch mich daraus zu befreien. Das ist was man Autorität nennt. Sie zeigt sich als Paradoxon, wenn sich die Regierung außerhalb der geltenden Rechtsordnung bewegt und zugleich jene Ordnung anwendet. Was Michel Foucault als „große Gefangenschaft“ umschreibt, legt sich auf mein Gemüt.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Es ist weniger Trotz als Sorge, wenn ein unglücklicherweise aus Verschluss entflohenes Dokument an die Bundesregierung eine marketing-psychologische Handlungs- und Gebrauchsanweisung für Politiker darstellt. Es ist betitelt mit „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ und ich vermisse das letzte Wort: „könnten“. Stellt das nicht die Urteilsfähigkeit meines Souveräns in Frage?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Souverän ist das Parlament, Autorität ist die Regierung und die Gewalten sind geteilt. Das ist das Rückgrat einer Demokratie. Der Ausnahmezustand fordert dagegen die Regierung an mehreren Fronten und seine Deklaration erhebt sie zum Souverän. Und immer steht die Glaubwürdigkeit des gesellschaftlichen <em>status quo</em> auf dem Spiel. Jedes System braucht Stabilität, deren Garantie eine zentrale Forderung jeden Bürgers an das System <em>Staat</em> ist. Ganz gleich, wo eine Bedrohung dieser Stabilität gesehen wird: Ob die progressive Linke ein Wirtschaftssystem als Quelle von Chaos verantwortlich sieht oder andere die Überfremdung zum Urgrund eines unfähigen Staates erheben; die Ursache liegt in tatsächlichen Lebensumständen und dem daraus erwachsenden Gefühl der Schutzlosigkeit. Das rüttelt an den Grundfesten einer Gesellschaft. Naturkatastrophen und Pandemien sind allerdings Lebensumstände deren imminente existentielle Gefahr tatsächliche Aktion benötigt. Das aus Politik zu Gesetz geronnene Recht kann hier keine Richtung vorgeben. Sein Rahmen wird für die Autorität unter Umständen zu beklemmend. Es wird zum Hindernis, sei es durch Prozess oder Materie. Es bleibt mir das Vertrauen auf die <em>gerechten</em>, die <em>richtigen</em> Entscheidungen derjenigen, die sich außerhalb der Rechtsordnung bewegen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Gerechtigkeit ist keine hohle Phrase. Sie kann das Recht umschließen, jedoch nicht notwendig die Autorität, welche das Recht setzt. Der Ausnahmezustand teilt letzterer die fragile Möglichkeit von Autoritarismus zu. Seine Urteile müssen sich an dem Maßstab der Gerechtigkeit messen lassen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Kann ich von Politikern Allwissen verlangen? Es sind eben keine Philosophen Könige, die den Ideen für eine gerechtere Gesellschaft zu Leben verhelfen könnten. Von der Regierung verlange ich zumindest Transparenz in ihren Überlegungen und Entscheidungen. Strategiepapiere sind offenbar Handlungsanweisungen, von einer Autorität an den Souverän des Ausnahmezustands; jemand flüstert ihm zu, wie zu handeln sei. Ein gewähltes Parlament disputiert offen, es streitet. Ohne die Verfassung als Ermächtiger des Souveräns und Korrektiv seiner Handlungen bin ich den Fesseln des positiven Rechts ausgeliefert, dessem Unrecht prinzipiell keine Grenzen gezogen sind.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ich muß weder die Geschichte bemühen, noch auf Militärregierungen verweisen, um klar zu machen, wie Regierungen sich zur Fähigkeit <em>ungerechten</em> Urteilens legitimieren. In Europa beschreitet Ungarn offen den Weg in Absolutismus, bei Staaten mit funktionierender Gewaltenteilung dagegen zeigen sich seit langem Muster einer politischen Eindimensionalität, welche auf einem gewissen Fortschrittsglauben technokratischer Gesellschaften aufbaut. Demokratien sehen sich jederzeit einer ideologischen Einflussnahme ausgesetzt, die man nur mit Transparenz bekämpfen kann. Doch selbst bei voller Transparenz scheint nichts das bürgerliche Bedürfnis nach sichernder politischer Richtungsweisung zu ersetzen. Ich bin geneigt, jede Maßnahme hinzunehmen, die meinem Schutz dient und verlange allenfalls Transparenz in <em>meinem</em> Sinne. Wichtiger als der Prozess der Entscheidungsfindung wird ihr Ergebnis. Das Ergebnis wiederum ist ein Postulat, das nicht unbedingt meinem Besten entsprechen muß, aber meiner <em>Meinung</em> darüber. In Gesetz gegossenen Urteile meines Souveräns bestimmen mein Leben und offenbar werden sie vorrangig vom Vertrauen in die Fähigkeiten und hehren Absichten der Regierung ermöglicht. Die meisten Deutschen oder Neuseeländer sitzen brav Zuhause, weil sie die Maßnahmen ihrer Regierungen als gerecht(fertigt) <em>empfinden</em>.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ein Urteil, so heißt es in Schneiders „Logik für Juristen“, ist nur dann richtig, wenn es wahr ist und als gerecht empfunden wird. Die Regierung urteilt, ich füge mich umso williger, je stärker ich dieses Urteil als wahr und gerecht einordne. Übrig bleibt das Problem mit der Wahrheit. Die kommt immer von dort, wo ich stehe, bei ihr gibt es kein „gemeinsam“, sondern Ego. Nicht aus Vernunft, sondern aus Habitus und Indoktrinierung erwachsen Überzeugungen von Gerechtigkeit. Max Weber höre ich fragen: „Empirische Feststellung oder praktische Wertung?“&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Welchem Virologen soll ich glauben? Je mehr mediale Quellen ich öffne, umso halt- und wertloser scheint mein Weltverständnis zu werden. Während ich mich frage, wie ein Mensch aufgrund dessen überhaupt urteilen kann, gibt es solche, welche Meinungsfreiheit so verstehen, als falle das offene Phantasieren darunter. Eine sich selbst bestärkende Faktizität hat sich eingestellt, gefüttert von kontextlosen Informationsfragmenten in<em> echo-bubbles</em> sozialer Medien, wo Vertrauen in Quellen fraglos ist. Die Schärfe der Argumentationen nimmt mit dem Glauben zu, Recht zu haben. Und zwar im weitesten Sinne des Wortes: Jedes gefällte Urteil spricht Recht zu Gerechtigkeit und zu Wahrheit. Das Problem für mein Gefühl der Sicherheit in der Welt und damit für die Gesellschaft liegt dort, wo ich meine Schlüsse aus Urteilen anderer ziehen muß. Was für <em>mich</em> das Beste sei ist nicht mehr notwendig meiner eigenen Einstellung erwachsen, sondern aus der Vorgabe, den Urteilen anderer. Meine Empfindung für Gerechtigkeit, für das was wahr und richtig ist, wird manipulierbar.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3>Der Rabulismus</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Rabulismus muß eine Ausscheidung des modernen Individualismus sein, einer Mischung aus Verwirrung und Haltlosigkeit. Jedermann hat eine Meinung und eine Methode, mittels derer er sich diese Meinung bildet. Wahrheit ist allenfalls <em>Sinnentwurf</em>. Meinungen sind solche Sinnentwürfe, geistig-emotionale Überbauten, welche eine innere Gestimmtheit entwickeln, die zur Richtschnur allen Handelns wird. In mir haben verschiedene basale Antriebe zeitweise die Oberhand gewonnen, seien es Ideal, Neid, Gier, Nächstenliebe. Das kommunikative Netz meines Sozialsystems beherbergt Millionen Menschen mit inneren Antrieben, welche sich von dieser oder jener Getriebenheit heraus äußern. Und sie raten mir von allen Seiten zu. Auf der Straße, in der Zeitung, im Radio, im Fernseher, im Internet. Jeder hat seinen Teil der Wahrheit beizutragen, von eben jenem eigenen Standpunkt. Keiner dieser Sinnentwürfe ist per se falsch, denn sie entspringen der <em>human condition</em>, einer emotionalen Grundgestimmtheit, einem Gefühl das nicht lügt. Es flüstert meinem rationalen Ich, dem eigentlichen Souverän meines emotionalen Selbst, ein was zu tun sei. Erst die rationale Ursachensuche für die eigene Lebenssituation wird zum Problem der Wahrheitsfindung. Was ist es, das mir Angst einjagt? Und wer kann mir eine Richtung geben, um diese Angst zu überwinden?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Was bleibt mir kleinem Individuum an Möglichkeiten, Urteile zu fällen, die wahr und gerecht sind? Soll ich Philosophie, Juristerei und Medizin, (und leider auch Theologie) durchaus studieren, mit heißem Bemühn? Das ist unerheblich, wie schon Goethe feststellte. Meine Welt muß rund sein, und sei sie an vielen Stellen aufgeblasen mit der Metaphysik fremder Urteile. Omniscience, die neue mediale Allwissenheit, gibt mir Möglichkeiten von Wissen in einem Über-Goethe’schen Ausmaß. Sie reicht mir konsumierbare Fakten, die Komplexität vieler Kontexte stellt sie nicht für mich her. Es sei denn, ich vertraue dem Urteil anderer, welche diese Komplexität simplifiziert greifbar machen. Diese fremden Überzeugungen setzen sich dadurch in meinem Wissen und Weltverständnis fort. Das Wort Wissen stammt übrigens aus dem Altgermanischen und bedeutete „Vertrauen“. Als Demokrat muß ich aber gewillt und gewappnet sein, meiner <em>eigenen</em> Autorität zu vertrauen. Wenn ich aber nicht alles wissen und begreifen kann, bleibt mir dann nichts als eine eigene, prinzipiell <em>unvertretbare</em> Meinung haben zu <em>müssen</em>, auch als jemand, der die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:heading {"level":3} -->
<h3>Die Verwissenschaftlichung</h3>
<!-- /wp:heading -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wissenschaft besitzt Autorität. Ihr Dasein stiftet Klarheit und Verwirrung zugleich, denn ihre Komplexität beruht neben Logik und Mathematik zugleich auf unzähligen Operanden. Es sind Prämissen, die ihrerseits wahr sein müssen, um in einem wahren Schluß zu enden. Den 2500 Jahre alten Kalenderspruch des Sokrates — „ich weiß, daß ich nicht wissen kann“ — ist durch das Prinzip der Falsifizierung assimiliert und gerade dadurch als unlösbar akzeptiert worden. Wissenschaft ist ein fortwährender und müßiger Prozess des Zweifelns. Er ist in sich nicht sicherheitsstiftend und wird zur Bedrohung einer Gesellschaftsordnung, wenn die Last politischer Verantwortung auf ihm ruht. So werden Virologen zu Hoffnungsträgern und Feindbildern. Sie reden von dem, was Fall ist oder sein könnte. Der Staat muß dagegen notwendig Unzweifelhaftes kommunizieren.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Nur ein populärer Wissenschafts- und Fortschrittsglaube, der eindimensional ist, scheint die Kluft zwischen Zweifel und Eindeutigkeit zu überbrücken. Kontradiktorische Informationen zirkulieren im Blutkreislauf der Informationsgesellschaft, einem Transporteur von potentieller Erkenntnismöglichkeit und Manipulation derselben. Ich taste mich <em>more geometrico</em> im Glauben an eine logisch-mathematisch ableitbare Faktizität zu meiner Meinung, bin dabei allerdings auf Information angewiesen, die ich selbst schwerlich validieren kann. Es bleibt mir das Vertrauen in ihren wissenschaftlichen Ursprung. Hier setzt Verwissenschaftlichung an. Sie ist die Inanspruchnahme von Wissenschaft für jegliches Kalkül. Sie kleidet Information in das Gewand der Unbestreitbarkeit und straft jeden Widerspruch als Meinungsmache. Es beginnt bei harmlosen „Infomercials” und wird lebensbedrohlich, wenn simple Kausalitätsherleitung zur Einnahme von Desinfektionsmittel führt.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wissenschaft wird dadurch auf den Glauben an ihre eigene Methode reduziert, ungeachtet materieller Inhalte. Sie erzeugt alternativlosen Glauben, wenn man Methode und Materie nicht auseinanderhalten kann. Diese Verwechslung ist zum Problem der Moderne geworden, wie die Verwechslung von Wohlstand und Freiheit, von Freiheit und Arbeit, von Arbeit und Fortschritt, von Fortschritt und Wachstum, etc. Diese Begriffe eint der Verlust ihrer Multi-Dimensionalität.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wissenschaft ist Autorität im Moment, wo ihre Erkenntnis zur Bestimmung des<em> archimedischen Punkts</em> gebraucht wird. Es sind die Virologen, deren Dienste hoch im Kurs stehen und von denen weniger wissenschaftliche Antworten, sondern konkrete, populär-anwendbare Richtungsweisungen erwartet werden. Seit Wissenschaft ökonomisiert wurde, spaltete sich ein Großteil philosophisch-empirischer Geistes- und Humanwissenschaft nach und nach von den <em>applied sciences</em> ab, jenem Zweig, der im Dienst des jeweiligen Fortschritts-Paradigmas finanziert und instrumentalisiert wird. Dort ist Wissenschaft ein Werkzeug in den Händen derer, die Fortschritt proklamieren und dabei diesem Begriff seine Facetten abschleifen. Ich lebe in einer Welt, wo das Erscheinen neuer Smartphone-Modelle und Elektroautos zelebriert wird und wo man sich zugleich einem sozialen Konservativismus hingibt. Die Hinwendung zur „guten alten Zeit“ und zur „Heimat“ läßt eine verkümmerte Gesellschaft zurück und sie produziert High-Tech, deren Existenzberechtigung nur noch in sich selbst ruht.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Es ist fraglicher gesellschaftlicher Fortschritt, wenn eine Regierung die Rücklagen der Steuerzahler zum Weiterbetrieb der Wachstums-Maschinerie von Zins und Anlage einsetzt. So soll der <em>trickle down </em>Effekt weiterhin gewährleistet werden nach dessen Logik an einer Stelle der Gesellschaft Überfluss herrschen muß, damit der übrige, der arbeitende Teil von dort aus Lohn und Brot beziehen kann. Diese eindimensionale Verdichtung des Begriffs „Fortschritt“ auf „Wachstum“ spaltet in oben und unten. Es macht aus Bürgern und Demokraten Reiche, Arme, Prekäre und Faulpelze. Diese Definition von Macht durch vertikale Güterverteilung läßt keinen Raum für Gleichheit, den Primat des Rechts.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wo Multidimensionalität keine Rolle mehr spielt, kann der Mensch nicht gedeihen. Stattdessen ist er mit der Wissenschaft gemeinsam objektiviert und zu Fehlerintoleranz optimiert worden. In der Konsequenz bleibt nur noch die wissenschaftliche Methode mit der kontextlos Statistiken aufgerechnet werden; Tote gegen mögliche Tote, Abstraktion, Objektivierung.&nbsp; Meine Hilflosigkeit ist jene des Staates, jene der Wissenschaftler, die alle gemeinsam auf Exponentialkurven starren und deuten. Doch sind wir im Deuten nicht sonderlich geübt. Philosophische und sozialwissenschaftliche Ansätze stapeln sich in den Regalen der Universitäten und bekommen weder Platz im Politischen noch im Populären. Für jenen eindimensionalen Fortschrittsbegriff scheint die Technokratisierung der Wissenschaft zu genügen. Sie hat seit Jahrzehnten ihren Keim im Bildungssystem, das einem Katechismus gleicht, welcher die richtigen Antworten ihrer Schüler erwartet und aus Lernerfolgen Wettbewerbe macht. Hier richtet sich der Fokus auf Wissen, auf jenes altgermanische <em>wēr</em> also, das Vertrauen in essentielle dogmatische Ordnungsprinzipien, die es zu verinnerlichen gilt. Lehrpläne definieren was wahr sei und widersprechen damit jahrtausendealter philosophischer Erkenntnis. Das Potential zur komplexen Welterfassung verkümmert. Mit den Worten der Kulturwissenschaftlerin Sandra Geschke: „Die Widersprüchlichkeit des Anderen wird zunehmend als anstrengend empfunden. Linearität und Kausalsschlußprinzip ersetzen die Kontingenz und damit die Potentialität des Anderen.“ Bildung sollte Methode lehren und damit Wissenschaftlichkeit an sich. Erkenntnisfähigkeit und Selbstvertrauen ihrer Schüler sollte ihr Ergebnis sein. Hilfe zur Sinn-Stiftung wird zu den <em>soft skills</em> gezählt, welche Schulen und Universitäten kaum im Angebot haben, noch weniger das <em>populäre</em> Internet. Man hat mich mit den wesentlichen Fragen des Mensch-Seins alleine gelassen. Das menschliche Potential und der Mut mit dem <em>eigenen</em> archimedischen Punkt zu leben sollte gefördert werden, nicht die Angst Fehler zu machen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wo sind die Konzepte einer gerechten Gesellschaftsordnung, einer Ethik des Internets und seiner Algorithmen oder die einer universellen Bildung? Meine Identität als Mensch ist geformt, meine Angst nicht genommen, um über den Sinn meines eigenes Daseins nachzudenken. Nach alledem ist der Mensch von unten bis oben, von links nach rechts, mit der Aufgabe des Zweifelns alleingelassen und hat irrationale Angst diesen Zweifeln nachzugehen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Das eröffnet geistige Anlegestellen für populistische und abstruse Verschwörungstheorien und subtiler Nachrichten zur Erziehung von Wissenschaftsfeindlichkeit, Staatsdienern, Konsumenten oder Reichsbürgern durch Rückversicherung ihrer inneren Gestimmtheit. Es ermöglicht einerseits den Staat mit seinem Sicherheitsversprechen aber zugleich Faktenverdrehung, Populismus und Demagogie. Demagogen haben wir in Deutschland und anderswo nicht lediglich auf den Straßen und Plätzen. Sie sitzen und reden auch in Parlamenten und unabhängig ist jeder in der Wahl seiner Berater, jenen Souffleusen, von Gewissen bis Experten. Gefährlich wird es, sobald Kalkül zur Hebamme von Zynismus wird. Wer dem Souverän Handlungsempfehlungen ausspricht, darf kein Kalkül besitzen.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Es scheint, als gebe es lediglich die Wahl zwischen zwei Polen, die sich in ihrer Rückwärtsgewandtheit nicht unterscheiden. Wer einem patriotischen Demagogen folgt, hat seine Stellung als Teil jenes „gemeinen Volkes“ in einer vertikalen Gesellschaftsordnung akzeptiert und kämpft inzwischen gegen diese Klassifizierung an. Wer seinen gesellschaftlichen Status aus Not verändern will, ist in diesem Moment progressiv. Hier teilt sich die Linke den grundsätzlichen Veränderungswillen mit der Rechten. Wer sich an Behauptungen des konservativem Wohlstandsgedankens — dem Schliff der <em>old white men</em> und ihres Moscheen-attackierenden Nachwuchses — erwärmt, findet sich als Erhalter des <em>status quo </em>wieder. In letzterer Gruppen finden sich erstaunlicherweise auch Minderheiten, denen gerade diese Politik nicht zugute kommt. Auch wenn jene gerade nicht der reichen weißen Klasse angehören, erhalten sie dieselbe durch ihre Arbeit. Sie sind inzwischen „Helden“ der Krise. Das ist eine Möglichkeit, die Stabilität ihrer Weltanschauung, d.h. das ihr Vertrauen in jene <em>trickle down economy</em> zu erhalten.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Deswegen kommt mir öfter eine erschreckende Utopie in den Sinn, in welcher ich mich im Griff von geistigen Blitzableitern und Stimmungsmachern wiederfinde, besonders solchen, die proklamieren, mit Falsifizierung besser vertraut zu sein als ich. Sogar der Geist eines humanistischen Weltbürgers wird von der populistischen Art verkündet: Man möge und respektiere alle Rassen, solange sie Zuhause bleiben. Ich bin woanders Zuhause und bei jeder Rückkehr in mein Geburtsland umschließen mich die Arme einer nationalen Identität. Ich kenne Thüringer, Münchner, Hamburger und Neapolitaner, Christchurcher und einen blondierten Japaner in Osaka. Sie sind Teil meiner Identität, der mir von solchen Demagogen in Frage gestellt wird.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Machmal ist mir dagegen, als beschränke sich meine Identität auf Ziffern, nach Lebenserwartung, Leistungsfähigkeit, Qualifikation und Pandemie-Verbreitungsquotient. Dann stecke ich im Korsett jenes konservativistischen Fortschritts-Glaubens, wo die „gute alte Zeit“ herrschte, wo Trachten und Volksgesundheit und Arbeit, Wohlstand und Geld in exklusivem Equilibrium waren. Ein Oxymoron das es doch nur im Traum geben kann?</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Ausblick</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Der Staat umschließt mich. Ich bin mir nicht sicher, ob und wann sein Griff womöglich zu fest ist. Seit Jahren frage ich mich, was den Menschen sozial macht. Ist er dem anderen Wolf? Gibt es eine <em>lex aeterna</em>, eine allen einsichtige Vernunft? Oder ist der Mensch ein Staaten bildendes Wesen wie die Biene, weil es seiner Natur entspricht? Die Neurowissenschaft gibt diesem aristotelischen Gedanken neuen Aufwind. Ein Denkanstoß: Wenn die Kommunikation die kleinste soziale Einheit ist, weiter Familie, Freunde, Nachbarn und die Gemeinde, warum endet ihre Definition zumeist beim Nationalstaat? Wird diese Grenze dort gezogen, wo Kommunikation, der kleinste Nenner, erschwert ist durch sprachliche Differenzen? Genügt dem Gemeinschaftsgedanken eine wohlig-kulturelle Abstraktion des Zusammenhaltsgefühls? Wer an die europäische Jungfer denkt, welche ihre Verlobte, die Freiheit küßt, hat die letzten Wochen verschlafen. Europas Grenzen sind klar gezogen, innen und außen. Welchen Wert hat „Europa“ auf dem Papier? Welchen Wert hat es für mich? Ich frage nicht nach dem empirischen Europa, ich frage nach dem praktischen. Aus simpler Empirie erkenne ich, daß Europa, wie Deutschland, vom Geld zusammengehalten und vom selben auseinander getrieben wird, während ich, der Bürger, in faktischen Grenzen eingesperrt bin. Da schwindet die Hoffnung auf politisches Umdenken, hin zu jenen praktikablen Werten eines Weltbürgers, die ich suche.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Eine Äquivalenzfunktions-Diskussion findet derzeit statt, wonach Menschenleben in statistischen Ziffern hoch- und mit Konsequenzen eines kollabierenden Wirtschaftssystems aufgerechnet wird. Es wird nach Alternativen für Arbeitsgestaltung gesucht. Der Frage, wie kongruent die Wirtschafts- mit der Gesellschaftsordnung ist, wird politisch allerdings nicht nachgegangen. Dabei ist es bedenklich, in sozialer Abhängigkeit von einem System zu sein, das es ohne seinen Prozess von Wachstum in dieser Art nicht geben kann. Das ist die Konsequenz eines Paradigmas, dem Zweifel ungeheuer sind. Ich möchte dem von Niklas Luhmann geprägten „Äquivalenzfunktionalismus“ eine Erweiterung verschaffen, die nicht wertfrei sein kann, kurz: ein Richtungsvorschlag für die Suche nach neuen sozialen Strukturen. Er ermutigt zu Urvertrauen in eigene Geistesregungen, in eigene Urteilskraft und hat den Imperativ, nie den Zweifel zu verlieren. Ich darf mich nicht der wohligen Gemütlichkeit unkritischer Meinungen hingeben und sie so zu meinen eigenen machen, denn so entfernt sich mein <em>Selbst</em> vom <em>Ich</em>; ich werde kontrollier- und manipulierbar, meine Gesellschaft wird die Vision anderer.</p>
<!-- /wp:paragraph -->

<!-- wp:paragraph -->
<p>Wie wäre es zur Abwechslung mit dem Mut zum Zweifel? Mit Urvertrauen in die Idee Europas und vom Weltbürger oder in die Möglichkeit, dem Begriff „Wohlstand“ in diesen Zeiten eine neue Weite geben zu können. Wohlbefinden könnte darin aufgehen, Fortschritt und Freiheit so zu begreifen, von nichts anderem getrieben sein zu müssen als vom <em>eigenen kritischen</em> Lebensentwurf mit all seinem Potential, Fehler zu machen.&nbsp;</p>
<!-- /wp:paragraph -->]]></description>
		
					<wfw:commentRss>https://www.thepersonalist.de/die-autoritaet-der-meinung/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
