Gesellschaft

Wenn Sokrates davon spricht, daß Philosophe Könige oder wenigstens Könige Philosophen sein sollten, attestiert er dem politischen Duktus die Notwendigkeit von Weisheit und Umsicht. Wenn ich das Volk reden höre, dann sind Politiker machtgierige, korrumpierte Opportunisten. Damit attestiert der politischen Realität alle Ferne von Sokrates‘ Wunsch. more

Mit Händen und Füßen hätte ich mich gewehrt, wenn mich jemand hätte zwingen wollen, zu Wulff (derzeit noch Bundespräsident) Stellung zu nehmen. Es hat mich niemand gezwungen und meine Ignoranz genügte.

Nun will ich’s aber wissen. Facebook schäumt ja über von „Wulffs“ – und das sind Kommentare auf der zweiten Ebene. Also dachte ich mal – um mich von den Erdbeben hier in Christchurch abzulenken – ich schaue, was der Wulff nun eigentlich verbrochen hat. Vor allem der Publizist (von der ARD unumsichtig „Moral-Experte“ betitelt) Rainer Ehrlinger hat mich vollends verwirrt.

Erlinger sieht „…das Vertrauen beschädigt. Um es wieder herzustellen, bedürfe es der ganzen Wahrheit…“ Kluger Mann. Aber heißt das nach dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten, daß der Rest von uns doof ist? Schade, daß es keine Berufausbildung zum Moral-Experten gibt (oder gab als ich noch suchte). Dann könnte ich heute ein Blog mit zig-tausend Zugriffen mein eigen nennen, weil ich mir den Titel „Experte“ verdient hätte. Konservative Gedankengänge mit einer Prise metaphyischem Schnickschnacks würde ich zum besten geben – und man würde an meinen Lippen hängen. Sogar die ARD. Schade.

Ich wollte doch über Wulff herziehen. Jetzt, wo das so Mode ist. Nagut, aber ich versuche es zunächst mal mit der induktiven Methode – also was wird ihm vorgeworfen – und was ist passiert?

Im Grunde ist das alles recht langweilig; die Vorwürfe sind recht generell – Wulff hat das Vertrauen der Bürger mißbraucht, weil … er einen Privatkredit genommen hat. Wo ist das Verwerfliche? Ach ja, es waren die Konditionen – um die 2% Zinsen. Das ist schon was. Er wurde als „gehobener Privatkunde“ behandelt, meint die BW-Bank. Meinetwegen. Es ist doch bekannt, daß die Menschen mit höherer Kreditwürdigkeit durch niedrige Zinsen belohnt werden, wobei die Logik meint, der Kreditgeber hat ein geringeres Risiko. Wenn ich aber (logisch) weiterdenke, frage ich mich, wo das Risiko bei einem Geringverdiener liegt, wenn die Bank sich einen vollstreckbaren Titel gegen den Schuldner besorgen kann, welcher 30 Jahre gültig bleibt… Irrsinnigerweise schmälern 9 bis 17% Zinsen bei Geringverdienern deren Bonität noch mehr, was im Umkehrschluß bedeuten müßte, daß eine Bank noch mehr Zinsen vom kleinen Mann nehmen müßte …

Das ist zu kompliziert. Ich bin verwirrt. Wulff ist ein Schwein, soweit ich den Medien glauben kann. Und ich hätte als Jurist eigentlich begutachten sollen, worin der Zusammenhang zwischen Amt und Kredit besteht. Da war ich zu faul. Warum sollte ich auch bemühter sein als ARD, der Spiegel, die Welt… und wie sie alle heißen?

Moment mal, hieß es nicht, Eigentum verpflichtet?

Kapitalismus ist nicht als solcher zu verdammen. Er ist – entsprechend alter Lehren und Philosophen vom Zen über Sokrates bis zur Volksweisheit der Mäßigung – als gesunder Wettbewerb zu unserem Fortkommen notwendig. Er schafft freiwilliges Wachstum. In humaner Form schafft er nicht Angst vor der Freiheit, weil man in permanenter Furcht vor Arbeitslosigkeit lebt, sondern er nutzt seinen Gewinn als Gewinn für alle. more

Die Medien fragen sich, was die „Okkupanten“ denn nun fordern? Man pickt sich einzelne Stimmen heraus mit durchaus unterschiedlichen Aussagen. Letztlich lassen sich diese unter ein großes Ziel subsumieren: Die Wiedereinführung von echter Demokratie, welche die Gier ruiniert hat. Ich habe das mal konkretisiert:

1. Kappung von Privateigentum auf zwei Millionen Euro und Verteilung auf Arbeitnehmer oder Kommunen. Eine Enteignung dieser Art lässt einige aufschreien – aber ist das tatsächlich die Mehrheit? Mit zwei Millionen lässt es sich gut leben. Im Gegenzug werden Unternehmer weiterhin vor Durchgriffshaftungen über ihre Kapitalgesellschaften geschützt.
2. Kapitalgesellschaften müssen ein Mindesteigenkapital von 50% haben – das gilt insbesondere für Banken. Und dass Unternehmen für Spekulationen die auf den Rahmen dieser 50% beschränkt sind – voll haften. Die arbeitende Bevölkerung haftet immerhin voll mit ihrer Arbeitsleistung.

3. Schuldenerlass für Staaten. Es wird teils von „Schuldenblase“ geredet. Das an den Aktienmärkten und in Bankenbüros verwettete Geld der Anleger ist zum Spielgeld und die Schulden sind zu Spielschulden geworden. Die Gläubiger sind reiche Privatleute und ihrem Gewinn stand nie realer Einsatz gegenüber, außer die Arbeitsleistung des „kleinen Mannes“. Und allein die Zinsen sind zum Teil so hoch, daß man nie tilgen können wird. Daher: Erfüllungsverweigerung!

4. Einführung einer Kapitaltransfersteuer über Landesgrenzen. Das ermöglicht jeder Region zumindest die Abschöpfung von Erwirtschaftetem, schützt Binnenmärkte und Arbeitsplätze. „Heuschrecken“ –Unternehmen haben soziale Verantwortung, also eingeschränkte Freizügigkeit.

5. Abschaffung von Zinsen für Staatshaushalte & staatliche Anleihen. In Europa gehört Geld jedem: Es wird zum Eigentum des (gutgläubigen) Besitzers. Das erlaubt grundsätzlich, Geld für sich arbeiten zu lassen, also Banken, Zinsen auf Darlehen zu erheben. Durch das Ungleichgewicht zwischen Reich und Arm erlauben sich Banken gerade weniger Betuchten das Geld zu höheren Zinsen zu ‚darleihen‘. Deren Begründung, jene Schuldner seien ein höheres Risiko, daher höhere Zinsen, hat sich schon 2008 ad absurdum geführt. Tatsächlich ist ein hoher Zinssatz das Resultat von Gier, die vom Ausnutzen von Zwangslagen befeuert wird. Reiche Menschen benötigen keine Kredite – daher bekommen sie die auch günstiger. Also: Öffentliche Haushalte werden freigestellt von Zinsen.

6. Politiker bekommen eine mindestens zehnjährige Sperrzeit für die Karriere in der Industrie nach dem Amt. Diese „Politikerrente“ soll vor Lobbyismus schützen; den Politikern werden für diese Zeit volle Staatsbezüge garantiert.
7. Keine Ausschüsse mit Vertretern aus der Wirtschaft. Ausschüsse, die Gesetzesvorlagen erdenken, werden nur vor Staatsbediensteten – mit entsprechenden Qualifikationen – erarbeitet. „Qualifikation“ bedeutet, daß jene Bedienstete gewisse Arbeitserfahrung mitbringen (keine Uni-Schnösel ohne Erfahrung).

 

8.   Zweilagiges, ungebleichtes Toilettenpapier für alle. Das ist keine Forderung, sondern eine Maxime. Jeder Einzelne von uns sollte sich im Konsum mäßigen und auf sinnlose Verpackungen und Hochglanzprodukte verzichten. Die Welt ist so wie sie ist, weil wir es zugelassen haben. Und die Werbeindustrie ist nur erfolgreich, solange wir sie beachten.

 

 

Mehr auch auf TheIntelligence

Nun, nichts gegen Afirmation von Dingen, über welche man schon seit geraumer Zeit eine recht klare Vorstellung hatte, wie zum Beispiel dem politischen Einfluß der Lobby (in Amerika). Wenn jedoch bestimmte Tatsachen durch IWF-Studien bestätigt werden, die schon bei meiner Urgroßmutter gewiss waren, wird es wunderlich.

So schreibt der IWF in einer Studie von Juni diesen Jahres :

„Die Studie zeigt außerdem, dass zur Beeinflussung von Gesetzgebungsverfahren nichts wichtiger ist als persönliche Beziehungen zwischen Lobbyisten und Politikern.“

Für diese Tatsache gibt es einige Begriffe: „Vitamin B, Geklüngel, Filz, Pack – die Krähe, welche der anderen kein Auge aushackt“, etc. Und diese haben sich nicht erst in den Jahren nach 2008 entwickelt. Darum darf die Frage nach dem Sinn der Studie doch berechtigt sein, der m.E. nur darin liegen kann, daß man von sich oder irgendetwas ablenken will. Warum soll die Stimme des IWF nun so gewichtig sein, daß es in der Süddeutschen so hervorgehoben wird? Warum hört man plötzlich von allen Seiten Stimmen, welche Stück für Stück Korruption gefestigter Institutionen – wie eben auch einem Parlament – aufdecken?

Was wird aus der beginnenden Revolution werden, die sich in Amerika ausbreitet? Wird den Demonstranten letztlich nur der Kopf getätschelt? Es wäre durchaus denkbar, daß der IWF nur Teil eines Strategie zur Schadensbegrenzung ist: dem Mob ein paar rollende Köpfe zu geben, zu gewissen schalen Gesetzesvorlagen einzustimmen und heimlich so weiter zu machen wie bisher?

Wir reden von der Finanzindustrie: solange wir ihr Geld benutzen, sind wir nicht vom Haken.

mehr zu altbekannten Tatsachen hier im SPIEGEL

Und ein kleiner Teaser: „Weltwirtschaft erholt sich in erstaunlichem Tempo“ – IWF 2009

 

*photo: monsterscifishow

 

 

 

Ich habe seit Ewigkeiten mal nützliche Informationen vom Fernsehen bekommen. Dort reist ein Kiwi um die Welt und verfolgt eine von ihm in Auckland „ausgesetzte“ Plastikflasche (via GPS). Bestürzend, wieviel Müll im Meer, in Fischen, in Vögeln und wieder im menschlichen Magen landet. Ich hasse Plastik, beschloß ich. Keine Plastikflaschen mehr! Aber als mein Kiwi-Freund nach Ruanda kam und mir zeigte, wie sauber es in diesem Land ist, habe ich etwas gelernt, was unsere Politiker besser mal tun sollten: Nachdenken. Also, Nachdenken und sinnvolle Gesetze machen, wenn sie das Gesetzemachen schon nicht lassen können. In Ruanda gibt es nämlich einen monatlichen Cleanup-Day. Niemand geht zur Arbeit, sondern ist von Gesetzes wegen zum Aufräumen verpflichtet. Wie – schlicht genial ist das denn?!
Vielleicht lernt man so, sich selbst und die hirnrissige PTE-/PTA-Erdöl-Plastikindustrie-Lobby zu erziehen. Und man muß kein Grüner sein, um diesen Irrsinn nicht endlich zu begreifen. Wie wär’s mit einem Volksentscheid?

mehr hier…

und hier…

Buchumschlag von George Orwell's "1984"Gesellschaftsformen reflektieren die Psychologie des Einzelnen.  Gruppendynamik unterscheidet sich lediglich in den unterschiedlichen Gegebenheiten des Einzelnen. Einfaches vermischt sich und bleibt doch menschlich. Ist es damit berechenbar? Ich hoffe nicht. Denn sonst wäre das Urteil die Welt sei die ewige Wiederkeht des Gleichen wahr wie fatalistisch zugleich.
Die Erfahrung zeigt, dass der Mensch ein endiges Lebewesen ist. Und es kann nicht im Gleichgewicht leben – Gleichgewicht ist nun auch das Gegenteil von Leben. Unfähig, in einem System des idealen Kreises zu leben, ist weder unser Leben ewige Beständigkeit wie die Gesellschaften, die wir formen. Gleichgültig, welches System vorherrscht, bleibt allerdings eines gleich: Die menschliche Psyche und die menschlichen realen Bedürfnisse. Himmel und Hölle, Zuckerbrot und Peitsche, Motivation und Angst… alles Begriffe für die gleiche Bedeutung: Wir sind kontrollierbar, wir sind vorhersehbar, wir sind naiv und vertrauen in unsere Mitmenschen. Das letztere, Vertrauen, wäre einerseits die Lösung unserer Probleme, wenn es tatsächlich bestehen könnte. Sein permanenter Mißbrauch bildet allerdings Voraussetzung für die zynische Gesellschaft.