Kritik

Moment mal, hieß es nicht, Eigentum verpflichtet?

Kapitalismus ist nicht als solcher zu verdammen. Er ist – entsprechend alter Lehren und Philosophen vom Zen über Sokrates bis zur Volksweisheit der Mäßigung – als gesunder Wettbewerb zu unserem Fortkommen notwendig. Er schafft freiwilliges Wachstum. In humaner Form schafft er nicht Angst vor der Freiheit, weil man in permanenter Furcht vor Arbeitslosigkeit lebt, sondern er nutzt seinen Gewinn als Gewinn für alle. more

Das wird doch nix…

Ich freue mir auf den jroßen Tach wa! Am 15. Oktober geht’s rund (um den Globus). Wir besetzen die Welt! Und ich hatte schon befürchtet, ich müsse allein in Unterwäsche (mehr Aufmerksamkeit) im Hagley Park im erdbeben-gebeutelten Christchurch stehen mit ’nem Papp(p)lakat: „Occupy Germany!“ Womöglich hätten sich dann Zweite-Weltkriegs-Veteranen um mich versammelt, ausgestattet mit alten Wummen, zerbeulten Helmen und angefressenen Swastikas. Immerhin wäre der Feind klar ausgemacht: Alle mit rot-weiß-schwarzen Armbinden, die deutsch sprechen… Aber nein, wir haben sowas auch in Neuseeland!

Und was wird das in Berlin werden am 15. Oktober? Nehmen wir mal den andauernden Wallstreet-Protest: Wenn die Protestierenden wenigstens eine klare Forderung hätten – eine – dann sähe ich die Möglichkeit, etwas zu erreichen. So in etwa wie 1990: „Die Merkel muß weg! Die Merkel muß weg!“ Auf diese Forderung gibt’s nur eine Antwort. Aber wenn die Antwort dann Schröder heißt, war das Protestieren vergebene Liebesmüh‘. Nein, ohne die Merkel wird das auch nicht besser. Oder sollten wir allen Politikern, Bankern, Unternehmensberatern (sorry, ‚Consultants‘) rot-weiß-schwarze Armbinden geben? Das ist schonmal eine klare Forderung, löst das Problem aber nicht schnell genug.

Also, was fordern? Beendigung der ‚corporate greed‘  – der unternehmerischen Gier. Wobei ‚corporate‘ auch als gesellschaftlich übersetzt werden kann. Also fordern wir die globale Abkehr von der Gier… In den Amerikanern steckt offenbar das Hippie-Gen. Zum Beispiel, wenn „KW“ schreibt:

„My goodness. In a wise, creative, and mischievous response to the nasty rhetoric of the press, the Occupy Wall Street folks have answered propaganda with poetry. What a graceful maneuver in the struggle for social change. Beautiful and heartwarming!“

Das paßt. Gut, wenn die Poetry das Schiller’sche Niveau erreicht, hat die Welt schon etwas gewonnen. Aber im Ernst: Die „occupy wallstreet“-Bewegung ist inzwischen virtuell zur „Occupy Together“ Bewegung geworden. Ob sich was bewegt, wissen wir noch nicht, aber die 100.000er Marke wurde schon überschritten (http://www.facebook.com/OccupyTogether).

Die Jungs und Mädels haben in Amerika inzwischen jedoch eine Liste gemacht: http://occupywallst.org . Die fordert in Teilen die Wiedereinführung regulativer Gesetze aus den 30er Jahren. Allein das erinnert an den stetigen Kampf mit „dem System“. Wieviele Arbeiteraufstände haben wir schon hinter uns? Das werde ich mal zählen, wenn ich nicht die meiste Zeit mit meinem Papp(p)lakat für den Hagley-Park am Wochenende beschäftigt bin…

Es ist inzwischen bei den Politikern angekommen: Der Übermacht der Banken (und nicht nur der) ist politisch nicht beizukommnen. War ihr noch nie. Der Spruch, der laissez-faire-Kapitalismus sei ein bissiger Hund, der losgelassen wurde, nimmt Konturen an: Die eines wütenden Köters, der – solange sein Herrchen ihn an der Leine hatte – folgsam und brav war. Nun läßt er sich nicht mehr an die Leine legen.
Während der Kapitalismus jahrzehntelang (seit den 70ern) durch die Welt streifte, schnüffelnd, suchend, fressend und scheißend sind die Amtsstuben unten verstaubt und oben mit opportunistischen Marionetten besetzt. Es ging jahrzehntelang gut. Der Hund ließ der Politik ein paar saftige Knochen übrig derentwegen er noch von Steuergeldern gestreichelt wurde („Wirtschaftsstandort“). Man nannte den Köter zeitweilig „Heuschrecken“ – eher die Atome, aus denen er gemacht ist. Das war in Deutschland kurzweilig ein kleiner Bewußtseinsschub: Da, wo der Kapitalismus auftaucht, hinterläßt er verbrannte Erde. Trotzdem hat sich nicht viel getan seither.

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Für den Fall, dass ein direkter Konflikt zwischen der Pressefreiheit und der staatlichen Sicherheit existiert, steht laut dem Obersten Gerichtshof die Sicherheit über der Pressefreiheit. Aber wir verfolgen einen sehr liberalen Ansatz. Ich habe in der Vergangenheit im Geheimdienst gearbeitet, und ich würde mir wünschen, unsere Feinde würden Dinge veröffentlichen, wie wir sie freigeben.“ (Quelle: Spiegel Online)

Das ist ja wirklich nobel von der Ober-zensUrsula (Sima Vaknin-Gil) in Israel. Man muß also dankbar sein, daß der Zensurprozeß bei den Israelis so „liberal“ ist. Da fällt mir ein Ei aus der Hose, denn offenbar glaubt die Dame an das, was sie sagt. Und daß die letztliche Zensur unter dem Richtervorbehalt steht ist eine typische Verzerrung der Realität: Man benutzt Institutionen jenseits ihrer eigenen originären Bestimmung. Im System mag das einem legalen Prozeß gleichen – aber es ist und bleibt nichts als gekünstelte „Druckerhaltung“ in einem Staat, welcher sich von Feinden umzingelt sieht.

Schade

Die (ehemalige) Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, ist einen Schritt zurückgegangen. Sie ist wohl ein Mensch mit Format: Deshalb ist sie zurückgetreten. Schade nur, daß diejenigen mit weniger Format gerade das nicht getan haben. Das sollte uns zu denken geben.

Gibt es philosophische Erkenntnis, so ist das das Überkommen bisheriger Paradigmen. Solche Erkenntnis ist im philosophischen Kontext wie eine Flüssigkeit: Sie ist nicht greifbar. In einem Dialog mit anderen muß diese standhalten – und wenn sie nicht zerschmettert wird, werden ihre Ecken und Kanten bestenfalls beschliffen. In zeitlich-historischem Kontext ist auch diese Erkenntnis nur eine Stufe in einer größeren. Aber gerade diese Angreifbarkeit ist Notwendigkeit und Problem der Praktikabilität von Philosophie: Sie muß zu einer Ideologie werden, um von praktischem Nutzen zu sein. Ihr müssen einfache Handlungsgrundsätze entlehnt werden, um in der Realität der menschlichen Willkür Ausdruck finden zu können. Das Dilemma beginnt ab eben diesem Zeitpunkt: Ideologie ist keine Philosophie, keine Flüssigkeit mehr. Vielmehr ist Ideologie geronnene Philosophie – so, wie aus Politik das Gesetz gerinnt. Und ab jenem Moment der Gerinnung geht sie an der Wirklichkeit vorbei. So, wie sich Gesetz immer wieder den tatsächlichen Gegebenheiten anpassen muß, muß es auch eine Ideologie. Doch das hat bisher nie funktioniert. (Darüber hinaus entfernen sich einfache Handlungsgrundsätze von dem diffizilen Gleichgewicht einer Philosophie. Sie verkommt zu einem stupiden, stumpfen, auswendig gelernten, unverstandenen und ritualen Instrument zur Massenkontrolle.)

1984 :: Microdots

Vielleicht ist es Zeit, eine Serie zu beginnen. Und zwar über die Zunahme der „totalen Kontrolle“. Mag sein, daß niemand das bisher vorhat (außer Kim Yong Il vielleicht), jedoch verdichten sich die Möglichkeiten immer mehr. Angefangen von Gesichtserkennung öffentlich installierter Kameras bis zu RFID (in der Unterwäsche).
Nun gibt es Microdots. Übrigens auch aus dem Geburtsland des Neoliberalismus (wie widersinnig).
Diese Microdots sind kleine Punkte in einer „unsichtbaren“ Flüssigkeit, die auf Wertsachen aufgetragen wird. Das soll auch auf einen Dieb abfärben. Immerhin soll das der Kriminalistik einen Vorteil verschaffen: Ein simples Matching (die Schrift auf den Micro-Punkten) verhilft den Beamten zu dem Beweis des kausalen Zusammenhanges zwischen Dieb und Beute.