Reflexion

Gibt es philosophische Erkenntnis, so ist das das Überkommen bisheriger Paradigmen. Solche Erkenntnis ist im philosophischen Kontext wie eine Flüssigkeit: Sie ist nicht greifbar. In einem Dialog mit anderen muß diese standhalten – und wenn sie nicht zerschmettert wird, werden ihre Ecken und Kanten bestenfalls beschliffen. In zeitlich-historischem Kontext ist auch diese Erkenntnis nur eine Stufe in einer größeren. Aber gerade diese Angreifbarkeit ist Notwendigkeit und Problem der Praktikabilität von Philosophie: Sie muß zu einer Ideologie werden, um von praktischem Nutzen zu sein. Ihr müssen einfache Handlungsgrundsätze entlehnt werden, um in der Realität der menschlichen Willkür Ausdruck finden zu können. Das Dilemma beginnt ab eben diesem Zeitpunkt: Ideologie ist keine Philosophie, keine Flüssigkeit mehr. Vielmehr ist Ideologie geronnene Philosophie – so, wie aus Politik das Gesetz gerinnt. Und ab jenem Moment der Gerinnung geht sie an der Wirklichkeit vorbei. So, wie sich Gesetz immer wieder den tatsächlichen Gegebenheiten anpassen muß, muß es auch eine Ideologie. Doch das hat bisher nie funktioniert. (Darüber hinaus entfernen sich einfache Handlungsgrundsätze von dem diffizilen Gleichgewicht einer Philosophie. Sie verkommt zu einem stupiden, stumpfen, auswendig gelernten, unverstandenen und ritualen Instrument zur Massenkontrolle.)

„Fische sind nicht dumm …“ – „aber die Relativitätstheorie verstehen sie nicht“ entgegnete ich. Die Diskussion verschob sich alsbald zu der Frage, ob Tiere eine Seele hätten. Sowas liebe ich: über schrecklich unbestimmte Begriffe zu disputieren. Das macht man nur in der Anfangsphase seines Studiums, wo die Brust noch geschwollen ist vor Stolz und Zuversicht.

Alles Instinkte war mein Standpunkt, dem entgegengehalten wurde, daß Tiere vielleicht genau das tun, was sie tun, weil sie den „Sinn“, die Absurdität des Lebens erkannt hätten. Weil sie also eine Stufe weiter wären als homo sapiens.

Das wollte ich nicht akzeptieren. Warum mein Weltbild so streng methodisch sei. „Weil ich eines brauche.“

Das war die Frage. „Du sollst dir kein Bild machen“ meinte einst einer meiner Professoren. Aber das bedeutet ständigen Zweifeln ausgesetzt zu sein. Da war sie wieder die ewige Frage: Glaube ich oder ergebe ich mich einer zweifelnden Unruhe, die am Ende doch keine Lösung bringt?

Mein eigenes Weltbild, ein Fixpunkt, auf dem ich meinen Turm baue – oder eben das, was ich als wahr empfinde: den ewigen Zweifel de omnibus dubitandum – die ewige Verneinung einer beständigen Wahrheit. Das Dasein eines Relativisten.