Platon und die Idee der Gerechtigkeit

  Einleitung

Um 428 v.Chr. wurde Platon während der „Diktatur der 30 Tyrannen“ in Athen geboren. Er war Schüler des Sokrates (407 v.Chr.) und später (367 v.Chr.) Lehrer des Aristoteles. Als Sokrates den Schierlingsbecher leeren mußte, war Platon 29 Jahre alt. Daraufhin schloß er sich Militärexpeditionen an, die ihn nach Tanagra und Korinth führten und nahm insgesamt drei Italienreisen auf sich. Um 385 v.Chr. wurde von ihm in einem nach dem gleichnamigen Sagenhelden Akademos benannten Hain eine Philosophenschule gegründet – die Akademie.

Der Tod des Sokrates wurde von Platon genau verfolgt. So war seine erste philosophische Arbeit, die Veröffentlichung der Verteidigungsrede des Sokrates; wenngleich er bei der Verurteilung nicht anwesend war, denn man glaubte, „er müsse wohl krank gewesen sein„. Tatsächlich ging es Platon nahe, den Tod seines Lehrers so erleben zu müssen und er sah den Widerspruch zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und dem Ideellen, was sein ganzes späteres Leben und Werk beeinflussen würde.

Neben seinen Briefen stellen insgesamt 35 Dialoge sein Werk dar. In den frühen Dialogen Platons, dringt besonders die Lehre des Sokrates hervor. Daß Sokrates als Protagonist in den Dialogen gegenüber den Sophisten Platons Meinung in den Mund gelegt wurde, läßt diesen Rückschluß überhaupt erst zu. Interessant für die Rechtsphilosophie sind Platons Schriften „nomoi“ (Die Gesetze) und „politeia“ (Die Verfassung des Rechts). Hier setzte er fort, was Sokrates begann: Die Zuwendung – von der Entmystifizierung der Natur durch die Naturphilosophen ausgehend – zum Logos der menschlichen Gesellschaft.

Von Platon wurde und wird gelegentlich behauptet, er sei der Vater der Philosophie. Jegliche nachfolgende Philosophie stelle lediglich eine Fußnote zu seinem umfassenden Werk dar. Andere, wie Popper oder Nietzsche setzen ihn wiederum der Kritik aus. Nur der Vollständigkeit halber sei hier ein (Haupt)Kritikpunkt erwähnt: Für Platon gibt es eine absolute Wahrheit – für den Relativisten Nietzsche einfach „Scharlatanerie“.

Platons Ideenlehre (Die Zwei-Welten-Lehre)[2]

Beginnen wir mit dem Kernpunkt der Ideenlehre Platons, um überhaupt einen greifbaren Punkt seiner umfangreichen Philosophie fassen zu können: Die Zwei-Welten Lehre. Für Platon stellt sich die Wirklichkeit dualistisch dar. Er unterscheidet zwischen der Sinnenwelt, der Welt des Denkens und Seins und der erfahrbaren Welt des Wandels, der Vernunftwelt. Sie zusammen ergeben die Wirklichkeit.

Sinnenwelt

GEIST

–          Ist durch Denken erschließbar.

–          Sie ist durch UnwandelbarkeitIdealität und  Normativität gekennzeichnet

–          Wurzeln: Konzeption einer starren Welt des Seins durch PARMENIDESVernunftwelt

MATERIE

–          Durch Erfahrung, Wahrnehmung wird sie zugänglich.

–          Sie ist durch Wandelbarkeit,
Realität und Relativität gekennzeichnet

–          Wurzeln: Konzeption einer im Fluß befindlichen Welt der Erfahrung nach HERAKLIT

Nach dieser Unterscheidung ist die (erfahrbare Vernunft-)Welt, wie sie der Mensch erlebt, nur ein mehr oder minder genaues Abbild der Ideenwelt.

Es gibt die „Idee Pferd“ der Sinnenwelt und das tatsächliche Pferd der Vernunftwelt. Letzeres können wir beobachten als Abbild seiner Idee in der erfahrbaren Welt. Kein Pferd der Vernunftwelt gleicht vollkommen dem anderen, doch haben alle eines gemeinsam: den grundlegenden Plan, die wahrhafte und vollkommene Idee des Pferdes. Denn man erkennt trotz immernoch was ein Pferd ist und was nicht – selbst wenn keines dem anderen vollkommen gleicht. Es ist die ewige unwandelbare Form des Pferdes, die jedem realen immanent ist. Die ist Idee ist also ewig, während ein Pferd in der Vernunftwelt einmal sterben muß.

Das Wesen der Gerechtigkeit

In seinem Dialog „Der Staat“ stellt Platon zahlreiche Meinungen über die Gerechtigkeit dar, die diese an einen besonderen Nutzen knüpfen wollen. So sieht beispielsweise einer der sophistischen Dialogpartner Sokrates‚, Trasymachos, in der Gerechtigkeit ausschließlich einen Nutzen für den Starken: Der Starke ist derjenige, der es geschafft hat, die Herrschaft zu erlangen. Er schafft Gesetze, die (nur) für ihn vorteilhaft sind.
Anders Kallikles: Für ihn stellt sich Gerechtigkeit als ein Mittel der großen Masse dar, die aus Furcht vor einzelnen Stärkeren Gesetze macht, um eine Machtübernahme dieser zu verhindern. Man sagt dann: Unrechttun ist, sich einen Vorteil vor anderen zu verschaffen. Lieber sollen alle gleichen Anteil haben, als das ein anderer mehr besitzt aufgrund seiner Stärke; obwohl, so Kallikles, eben dies wider der Natur sei  .
Es stellt sich also heraus, daß jede Meinung eine Nützlichkeitserwägung auf die Gerechtigkeit trifft. Von Platon wird dies durch seinen Protagonisten Sokrates im Dialog angegriffen: Es muß ein wahres Wesen der Gerechtigkeit geben, eine reine und wahrhafte Gerechtigkeit, eine Idee der Gerechtigkeit.

Empirischer Teil Platons Rechsphilosophie:
Bei der Bestimmung des Wesens der Gerechtigkeit, geht Platon allerdings auf die natürlichen, notwendigen Bedürfnisse der Menschen zurück, die Grundlegung für einen Staat bilden. Hier bedient er sich also aus der (tatsächlichen) Vernunftwelt.
Aus gerechten Einzelpersonen wird ein gerechter Staat. Die Bedürfnisse differenzieren und entwickeln sich; aus Grundbedürfnissen erwachsen neue. Der Staat muß sich dadurch ebenfalls weiterentwickeln . Um dann bestehen zu können braucht es drei gut organisierte Gruppen: Krieger bzw. Wächter, um fremdes Land zu erwerben und das eigene zu schützen, Handwerker und Bauern, für Nahrung und Wohnungen und Herrscher, um den Staat höchstmögliche Stabilität zu gewährleisten.
Hier geht Platon von einer Verbindung dreier Tugenden aus, die mit Eigenschaften des menschlichen Körpers verglichen werden können: Allerdings ist dieser vorgestellte Staat des Platon keine Idee im Sinne seiner Ideenlehre. Vielmehr stellt Platon, wie schon ausgeführt, aus Erfahrenem Zusammenhänge dar. Die menschliche Natur mit ihren Bedürfnissen ist Grundlage für den Staat. Dabei sind die Rollen der Menschen festgelegt: Jeder tut das Seinige, also das, wofür er mit seinen Fähigkeiten geschaffen wurde. Damit ergibt sich eine natürliche Organisation der Bedürfnisbefriedigung, die eine Gesetzgebung – und damit die Frage nach der Gerechtigkeit – nahezu überflüssig machen könnte.
Ein Problem stellt sich aber dar – nämlich daß nicht jeder Mensch das tun will, was von ihm erwartet wird. Folgt man Platon, sind es die „Vielgeschäftigkeiten“ des einzelnen, die ihn abhalten.

Womöglich aber hätte Platon auf dieses Thema mehr Augenmerk richten sollen. Sieht man den von Platon vorgestellten Staat als funktional geordnetes Gebilde an, in dem jeder seine Funktion erfüllt, kommt das einer Einschränkung der Freiheit der einzelnen gleich. Jeder ist an seine Rolle im Staat gebunden, ein Art. 2 I Grundgesetz – die allgemeine Handlungsfreiheit – wäre nicht denkbar.
Bei Platon ist hier rechtlicher Zwang erforderlich. Doch nicht allein die Nützlichkeit der Ordnung im Staat rechtfertigt nach Platon Erzwingung letzterer. Es muß als Forderung der Gerechtigkeit gesehen werden, was aus Platons Überzeugung hervorgeht, daß der gerechte Staat der ist, in dem jeder das (tugendhafte) Seine tut – nämlich die ihm zugeordnete Funktion erfüllt. Und damit ergibt sich der Übergang von der Tatsächlichkeit zur Gerechtigkeit menschlichen Handelns, also von der (empirischen) „Physik“ der Natur zur das reine Sinneserforschen überschreitenden „Metaphysik“ des Rechts.

Ideeller Teil Platos Rechtsphilosophie:
Der gerechte Staat ist der zweckmäßige, welcher von jedem das Seinige verlangt, um zur Befriedigung der Bedürfnisse Aller beizutragen. Das jeder das Seinige tut, ist jeweils gerecht. Staat ist die Gemeinschaft, die der Natur des Menschen entspricht. Der zweckmäßige Staat entspricht damit dem Wesen der Gerechtigkeit. Und das Wesen der Gerechtigkeit findet man als ewige Idee.

Hier steckt ein wesentlicher Kernpunkt des metaphysischen Teils der platonischen (und der bisherigen!) Rechtsphilosophie: Wie kann aus einem Sein ein Sollen entstehen?
Bildlicher gesprochen: Wenn ein Bedürfnis vorhanden ist, wie beispielsweise Hunger, gehört zu dessem „Sein“ das Drängen auf Befriedigung. Das allein ergibt noch kein „Sollen“ der Befriedigung. Beim Grundbedürfnis Hunger kann – platonisch – argumentiert werden, daß ein solches Bedürfnis eben rein natürlich sei und ohne aufgezwungenes Sollen einer Macht auskommt. Bei differenzierten, sich über das existenziell notwendige Maß herausgebildeten Bedürfnissen, die meist im Widerstreit stehen, muß Recht eine Alternative wählen: Nur die Auswahl selbst (= das Sein dieser Auswahl) ist keine „Legitimation“ des Rechts als gerecht, welches diese Auswahl getroffen hat.
Die Frage lautet wiederum: Wie kann aus der Existenz von Gesetzen, also positiven Rechts, im Staat ein Sollen entstehen, also ein Anspruch auf Gültigkeit und Befolgung?
Der Übergang vom Sein zum Sollen des Rechts kann durch viele Wege erreicht werden: Zwang (tyrannische Macht), Gottes Wille, Vernunft, die Entscheidung der Mehrheit oder Einsicht in Wissenschaft. Für Platon ist hier der wichtigste Weg die Erkenntnis der Idee der Gerechtigkeit.
Rechtliche Regeln beruhen also nicht nur auf Machtentfaltung und Zweckgerichtetheit. Sie sind bei Platon auf innerer Einsicht in die Struktur der Gerechtigkeit begründet. Die Umsetzung der Idee der Gerechtigkeit muß in der gegebenen Welt erst vollzogen werden. Wie aber erkennt man das Wesen (der Idee) der Gerechtigkeit?

Hier soll auf einen der bekanntesten Texte Platons hingewiesen werden: Das Höhlengleichnis. Dieses Gleichnis sollte auf jeden Fall gelesen werden. Nicht nur um der folgenden Darstellung willen, sondern mit der Versicherung erkenntnisreicher Lektüre!
Ideen sind nicht empirisch erforschbar. Nur durch rein philosophisches Denken erschließt sich die Idee der wahren Gerechtigkeit. Auf einen Punkt gebracht könnte man sagen, daß die Erkenntnis der Wahrheit zunächst schwierig, für den Menschen zumeist unbequem ist. Wird man tatsächlich fündig und hat an der Idee der Wahrheit teil, muß man womöglich kämpfen, um dieser Wahrheit standzuhalten, anstatt wieder in das bequeme „Abbild“ der Realität zurückzufallen. Wer standhält, kann seine Erkenntnis anderen mitteilen, wird aber auf Unglauben stoßen, kann sogar vor dem Richter stehen wegen einer verunglimpfenden, zweifelnden Ideologie (modern ausgedrückt). Deutlich ergeben sich hier Parallelen zu Sokrates‘ Verurteilung. Er blieb standhaft.
Die bestmögliche Widerspiegelung der Idee der Gerechtigkeit in den positiven Gesetzen der „Seins-“ oder „Vernunftwelt“ setzt also eine Erkenntnis der wahren Gerechtigkeit voraus.  Das philosophische Denken, welches letztlich einzige Methode der Wahrheitsfindung (über das Wesen der Gerechtigkeit) ist, macht einen Menschen zum Philosophen. Daher kommt es, daß – wie Platon einst meinte – entweder Philosophen Könige oder Könige Philosophen werden müssen.

Es gibt drei verschiedene Interpretationen des Höhlengleichnisses.
(1) Die metaphysische Interpretation – vor allem der Neuplatoniker – sieht im Menschen, wenn er nicht zum Philosophen wird, als jemand, der Seiendes für wahr annimmt, ohne jedoch die Wirklichkeit zu sehen. Diese Wirklichkeit sind die Ideen (eidos) und die Methode der Erkenntnis nennt man Dialektik (von „dialegesthai“).
(2) Die Neukantianische Interpretation versteht die Ideen des Platon als erkenntnisleitende Prinzipien. (Mehr dazu bei KANT.)
(3) Mit der Konstruktivistischen Interpretation stellt man Ideen als Konstruktionsvorschriften einer geometrischen Figur dar. Oder anders: Eine Idee ist der „Bauplan“ für das erfaßbare Etwas, das Abbild dieser Idee in der Vernunftwelt.
Man stelle sich vor, wie Sokrates Platon mit dem Finger einen Kreis in den Sand malen läßt. Hiernach vergleichen beide das Bild im Sand mit ihrer Vorstellung, der Idee, des (perfekten) Kreises. Bald stellen sie fest, daß der Kreis – nie wirklich so aufgebaut ist, daß alle Punkte in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt liegen – der Kreis also nicht „kreisrund“ ist.

Ertrag

Wozu kann heute (noch) die Ideenlehre Platons dienen? Hat er nicht ein viel zu „ideales“ Bild, welches der Realität nicht gerecht werden kann? In der Tat ist Platon nicht unkritisch, was die Umsetzung und Wirkungschance einer Idee des gerechten Staates betrifft. Für ihn ist die Realität die unvolkommene Teilhabe an der ewigen Idee des gerechten Staates. Allein dadurch ist die Idee jedoch noch nichts absurdes .

1. Ein differenzierter Ideenbegriff

Ideen sind. Die Idee „Gott“ existiert in den Köpfen der Gläubigen. Aber existiert auch ein Inhalt dieser Idee? Was ist Gott? Kein Gläubiger kann diese Frage wohl zur Zufriedenheit beantworten. Aber keiner von ihnen wird deswegen die Existenz Gottes leugnen.

Ideen sind Regulative. Die Vorstellung aus einer Erwartung, also die Vor-Vorstellung einer Sache können auch Präjudizien genannt werden. Ein Richter, der keine Vorstellung von dem Sachverhalt hat, kann einen Fall nicht entscheiden. Besonders im Strafrecht wird das deutlich: Um überhaupt die Beschäftigung mit einer Strafsache zu ermöglichen, muß sich der Richter eine Vorstellung davon machen, wessen sich der Täter eigentlich schuldig gemacht hat. Das erlaubt überhaupt ein gezieltes Anwenden des Gesetzes, da man ansonsten sequentiell, also vom §1 bis zum Ende des Gesetzbuches vorgehen müßte. Hier hätte man nichts weiter als einen verstandlosen „Subsumtionsautomaten“.

2. Ein differenzierter Gerechtigkeitsbegriff

Gerechtigkeit ist Tugend einer Person. Sie ist aber auch ein Ordnungsbegriff und umfaßt somit eine Gesellschaft. Gerechtigkeit bedeutet als Verfahrensbegriff das, was man Fairneß nennt.

Für heutige Regierungen hat das Zitat Platons, daß Könige entweder Philosophen oder Philosophen Könige werden sollen  immer noch besondere Bedeutung. Es ist und bleibt eine Tatsache, daß jeder Mensch einen Gerechtigkeitssinn besitzt. Diesem soll bei jeglichem Verfahren entsprochen werden. Und es ist noch heute Forderung der juristischen Logik und Methodenlehre an den Richter, seine Urteile nicht nur richtig, sondern auch gerecht zu fällen . Somit ist es nur selbstverständlich, daß führende Köpfe eines Staates, welche „richtige“ Gesetze entwerfen sollen, gleichzeitig gerechte entwerfen müssen – und damit über eine ausgeprägte Fähigkeit zur Erkenntnis der Gerechtigkeit verfügen müssen.

Für die Beurteilung der richtigen Staats- und Herrschaftsform läßt sich aus Platons Schriften – wie der Politeia – entnehmen, daß eben fähige Menschen regieren sollen. Was die Herrschaft der Vielen – der Masse – betrifft, ergibt sich eine mögliche Antwort auf die Frage, ob Demokratie eine „gute Staatsform“ ist. Man lese nach und urteile selbst.


[2] Platon selbst sagt, daß er keine feststehende Lehre verkündet – es gibt keinen festen Standpunkt – diese muß vielmehr durch Gespräch gefunden werden: Platon, 7.Brief, 341b-d: „Über all jene, die geschrieben haben und schreiben werden, daß sie wissen, worum ich mich bemühe – als ob sie es von mir oder anderen gehört oder es selbst herausgefundne hätten -, kann ich wenigstens soviel sagen: Daß diese sich auf die Sache verstehen, ist nach meiner Lehre nicht möglich. Eine Schrift darüber gibt es von mir gewiß nicht und wird es auch nie geben; denn es ist keineswegs aussprechbar wie andere Kenntnisse, sondern durch häufig stattfindendes Gespräch (=> Sokrates!) über die Sache selbst und durch gemeinsames Leben entsteht es plötzlich – wie von einem entzündeten Feuer überspringendes Licht – in der Seele und nähert sich sofort selbst.“

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