Was in Leere alles drinsteckt…

Spürst Du denn keine Leere? Theo schaute Martin vorwurfsvoll an. Ach, rede doch nicht von Leere! In dieses Wort kann man alles hineinlegen.

Was das solle, fragte Theo. Martin, recht genervt, schnaufte zu ihm hin, daß das, was jeder Leere nennt, eher Selbstmitleid heißen solle. „Mit dem Begriff Leere muß man sehr sorgsam umgehen. Es ist zu einfach, zu klischeehaft-tragisch, mit diesem Wort umher zu werfen.  Andere nehmen es auf, suchen ihre eigene Leere und stimmen ein. Ohne zu wissen, was der eine mit Leere meint.

In den Begriff Leere paßt alles. Seine Bedeutung ist eben genau das, was jedermann zuerst hineinlegt: Abwesenheit von Liebe, Abwesenheit von Gesellschaft, Abwesenheit eigener Gefühle… All das hat eines gemeinsam: Tragik und Angst.

Spreche ich von Leere, weiß jeder angeblich was damit gemeint ist. Und sagte ich dazu, daß ich dort Leere spüre, wo Sie einst war, dann leidet jeder plötzlich mit, spürt das Gefühl einer frischen Wunde, eines ausgerissenen Baumes – wenn er nämlich daran denkt, wie seine letzte Liebe ihn einst verlassen hat. Gut, lassen wir beim Thema Liebe die Ignoranten beiseite, die gerade eine frische besitzen: Die haben gar keine Affektion für traurige Hingabe. Vorerst nicht.

In meinem Fall ist das anders“, meint Martin, sichtlich ruhiger geredet. „Ich habe die Liebe verlassen, nicht sie mich. Ich bin jemand anderes; das kann nicht ich sein. Zählte ich stichpunktartig das auf, was ich an ihr geliebt habe, was ‚zweckmäßig‘ am ihr war, daß sie die beste war, die ich jemals hatte. Legte ich noch ein wenig Gefühl hinein, würde ich meinen, sie wäre die einzige und bliebe auch die einzige für mich – und mit etwas Wahn behauptete ich dann auch – wenn ich bei Sinnen wäre – sie sei unersetzlich und ich bliebe für immer allein. Was soll das also?“

Theo schüttelte leicht den Kopf. Er hatte Martin nicht aus den Augen gelassen und eine wehmütig-besorgte Miene aufgelegt. „Was hat Sinn mit Emotion zu tun?“ fragte er.

Martin schaute prüfend auf und hob die Augenbraue mit einem leicht herablassenden Gesichtsausdruck. Theo lies ihn nicht antworten, sondern antwortete selbst: „Du analysierst, wie Du denken und fühlen müßtest, wenn du ‚du‘ wärest und nimmst Dir damit jegliche Hoffnung, Du selbst zu werden.

Statt dessen bist du  ein Mensch ohne Gefühl, mit Angst vor Kontrollverlust. Du hast diese Selbstbetrügerei so gut geübt – oder das Talent dazu –  daß allein deine Vernunft genug Zuversicht erzeugt.“  Theo macht eine Pause und fügte zynisch und mit einem leichten Lächeln hinzu, daß es wenigstens eine Emotion sei, diese Zuversicht.

„Zuversicht eine Emotion? Pfff…. In verzweifelter Form vielleicht. Dann ist es eine Schwester der Hoffnung. Aber ich kann beruhigt sein: mir Zuversicht einzureden ist emotionslos. Sich Hoffnung hinzugeben wäre krank, wäre paradox. Hoffnung setzt geistige Ausweglosigkeit voraus – sie ist pures Gefühl, kontrollos – denn nur so kann sie existieren. Zum Glück bin ich noch nicht soweit.“ Martin zeigte Theo, daß er das Thema für erledigt betrachtete indem er aufstand und sich zur Seite drehte.

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