Moment mal, hieß es nicht, Eigentum verpflichtet?

Kapitalismus ist nicht als solcher zu verdammen. Er ist – entsprechend alter Lehren und Philosophen vom Zen über Sokrates bis zur Volksweisheit der Mäßigung – als gesunder Wettbewerb zu unserem Fortkommen notwendig. Er schafft freiwilliges Wachstum. In humaner Form schafft er nicht Angst vor der Freiheit, weil man in permanenter Furcht vor Arbeitslosigkeit lebt, sondern er nutzt seinen Gewinn als Gewinn für alle. Wie steht es mit dem deutschen Artikel 14 Absatz I des Grundgesetzes? Eigentum verpflichtet. Allein die Beachtung dieses Artikels in aktiver Form wäre ein Fortschrittt. Es ist dem deutschen Grundgesetz immanent, daß (Grund)Recht durch oder aufgrund Gesetzes eingeschränkt werden können. Doch in den Siebziger Jahren des letzen Jahrhunderts wurden diese Einschränkungen als liberal verkauft: Der tollwütige Köter des laissez faire Kapitalismus wurde losgelassen. Wir messen Gesetze restriktiv an unserer Verfassung, anstatt die Verfassung als Verpflichtung zu begreifen. Was persönliche und unternehmerische Freiheit versagt, gilt in einer liberalen Welt als punktueller Angriff und rechtswidrig. Im größeren Zusammenhang sorgt das Zivilrecht seit jeher für größere soziale Spaltung und Sozialgesetze werden zur Makulatur, weil ihre realen Effekte minimal sind. Die Politik verkauft das Tafelsilber – wichtige Unternehmen wie Energieversorger, Schulen, Universitäten sind teilweise schon abgegeben. Der real existierende Kapitalismus zeigt – wie Vorgänger kontradiktiver Coleur (die eigentlich evolutionstechnisch höherentwickelt sein […]

Alter

Sein Kinn zittert. Er hatte sich an diesem Morgen im Spiegel gesehen. Lange hatte er es nicht mehr bemerkt, denn es war so normal geworden, ein Teil von ihm, daß er keine Notiz mehr davon nahm. An diesem Morgen aber hatte er sich im Spiegel gesehen. 'Ich bin alt.' sagte er sich. Die Bank, von der er nun in den Park blickt, ist auch alt. Ausgeblichene Farbreste bilden längliche Streifen entlang der Holzmaserung, von welcher im Lauf der Jahre immer mehr das Sonnenlicht erblickte. Unerbittlich hatte die Sonne die Farbe ausgetrocknet und brüchig werden lassen, so daß sie in harten Fetzen abgeblättert war. Nun plötzlich bemerkt er, wie erbärmlich diese Bank inzwischen aussieht. Jahrelang war sie in seiner Erinnerung grün […]

Warum der Mensch nicht aufgeklärt sein kann (Ein Gleichnis)

Warum der Mensch nicht aufgeklärt sein kann? Weil er ein Affe ist und bleibt. Manch einer möge nun meinen, der macht es sich zu leicht, der Affe. Ja, warum soll er es sich auch schwer machen? Hier liegt der Punkt: Wir sind "physikalisch" konditioniert, uns den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen. Und schon scheitert Aufklärung. Es ist unbequem und ängstigend, alte Pfade zu verlassen und einen neuen (oder gar keinen!) in Aussicht gestellt bekommen. Wenn dir einer sagt, verlasse deinen alten Weg und ... ja, eben nichts weiter. Dann stehe ich da, orientierungslos, ahnungslos, mutlos. Da kommt es vor, daß ich schaue, was mein Nachbar macht, der Affe. Der läuft nach rechts. Da laufe ich doch mit! Und wenn […]

Beim ersten Mal, da tut's besonders weh (oder: Warum die deutsche Wirtschaft besser ist als die italienische)

Wenn man am Morgen mit dem Fahrrad zu Arbeit fährt und kurz vor dem Eingang zum Büro blaue Rundumleuchten wahrnimmt, vergißt man für eine Weile die Schwermut, die sich breitmacht, wenn man über die Schwelle tritt. Stattdessen wird alle Emotion in Neugier umgewandelt, um sich kurz darauf in Schadenfreude zu ergießen. Da waren doch drei Autos beim Rechtsabbiegen aufeinandergebumst. Alles Frauen. Oh, wie sich Schadenfreude mit einer gesunden Portion Chauvinismus in lieblich-grimmigen Taumel verwandeln kann! Feuerwehr war gleich in zwei Zügen vertreten und die Polizei machte sich extrabreit. Das erste Auto war sowas wie eine Familienkutsche; ein Ford Irgendwas oder ... irgendwas. Hauptsache rot. Der zweite war ein silberner Kombi, ein Opel. Dessen Hinterteil war schon vom Dritten (einem unschuldigen […]

Begehrt der Mob auf? Oder: Warum Fleischbrötchen die Heizkosten steigern.

Das ist kein deutsches Problem, sondern eines der gesamten westlichen Zivilisation, die sich bisher auf ihrem Wohlstand ausruhen durfte. Allein diese Zivilisation hat jetzt die Möglichkeit, mit dem ihr drohenden wirtschaftlichen (und sozialen) Abstieg nach neuen Wegen zu dessen Bewältigung zu suchen. Ansonsten läuft ein Volk Gefahr, bis an die Schmerzgrenze seiner Leidensfähigkeit zu geraten und ... den Rest kennen wir ja. Bleibt nur eines zu hoffen: Daß die westliche Zivilisation noch nicht zu dekadent geworden ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Was haben Mampfbacken mit Umweltschutz zu tun?

So etwas wie die Tortilla-Krise ist doch beispielsweise Aufopferung. Da öffnet sich Mexiko dem Freihandel und darf vom Amerikanischen Imperium Mais futtern. Irgendwann kommt ein cleverer Unternehmer mit Bio-Ethanol. Was gibt es umweltfreundlicheres als Bio-Ethanol? Zumindest können wir uns von unserem schlechten Gewissen freikaufen - besonders jene, die viel fressen und viel Sport treiben! Daher fordere ich: Alle Sportler und Vielfraße (außer die Fetten) müssen staatlich gezwungen werden, Bio-Ethanol zu tanken, jawohl!

Quod erat demonstrandum: Wo der Mensch Objekt ist

"Bei CallOn hatte ich eine Kollegin kennengelernt, die von der Arbeitsagentur zu einem Callcenter namens ZIU-International geschickt worden war. Dort, erzählte sie mir, seien ihr Verkaufspraktiken abverlangt worden, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Nachdem sie der Arbeitsagentur den Fall unterbreitet hatte, informierte die nicht etwa die Gewerbeaufsicht, sondern bestrafte die Frau mit einer Sperrzeit. Kein Geld, kein Hartz IV, keine Arbeitslosenunterstützung. Sie habe das Ende ihres Beschäftigungsverhältnisses selbst zu verantworten, hieß es. Man darf keine Skrupel haben im Callcenter. Und mancher kann sich einfach keine Skrupel leisten. " (Günter Wallraff in ZEIT-Magazin vom 22.Mai 2007.)