Nicoló Machiavelli

„Denn man kann von den Menschen insgemein sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, falsch, feig in Gefahren und gewinnsüchtig sind; solange du ihnen wohltust, sind sie dir ergeben und bieten dir […] Gut und Blut, ihr Leben und das ihrer Kinder an, wenn die Gefahr fern ist; kommt sie aber näher, so empören sie sich.“ (Menschenbild, S.39)

Nicoló Machiavelli’s Menschenbild ist sicherlich nicht von Optimismus geprägt. Selbst am Beginn seines berühmtesten Werkes „Il Principe – Der Fürst“, erklärt er menschliche Motive nach seiner Sicht:

„Es pflegten meist Die, so sich bei einem Fürsten um Gunst bewerben, mit solchen Dingen ihm zu nahen, die ihnen selbst am theuersten sind, oder an denen sie sehen, daß er das meiste Wohlgefallen findet.“

Und so tut es auch Machiavelli, indem er dem Erlauchten Lorenzo de Piero de Medici dieses Werk widmet. Seine darin ausgebreitete Philosophie hatte einen solch nachhaltigen Eindruck, daß man heute von „Machiavellismus“ spricht. Und wie es vielen eindringlichen Philosophien ergeht: Sie werden zum -ismus und erliegen der Gefahr, simplifiziert und entstellt zu werden. Spricht man heute von „Machiavellismus“ muß das noch nichts mit der Staatstheorie des gleichnamigen Philosophen zu tun haben.

Die Widmung an den Fürsten Medici ist keinesweg als Treuebekundung Machiavellis zu verstehen – ganz im Gegenteil: Nicoló wurde 1469 in Florenz geboren und wuchs in einer armen Familie auf. Er kam jedoch in den Genuß einer umfassenden Bildung. Er las Werke antiker Klassiker, wie Aristoteles und Cicero und arbeitete später als Staatssekretär. Machiavelli erkannte Politik früh als Ringen verschiedener Interessen und ihre Beeinflussung durch die Stände der sozialen Schichten. Nicht umsonst wird seine Philosophie dem politischen Realismus zugerechnet. Überhaupt ist Machiavellis Lebensgeschichte sehr interessant und von vielen Wendungen geprägt [Wikipedia].

Machiavelli war ein Empiriker. Das unterscheidet ihn drastisch von Sokrates, der die Weltordnung in die Ideen legte. Gegenüber Aristoteles zeigen sich allerdings Parallelen: Die Idee der Dinge steckt in ihnen selbst und erschließt sich allenfalls aus ihrer Beobachtung; die Idee selbst ist ein logisches Folgekonstrukt in unserem Streben, Dinge in Ordnung zu setzen. Ein wahrer Empiriker hält sich vom Schlußfolgern fern – ein Philosoph kann nicht anders. Machiavelli war beides und nachdem sein „Il Principe“ fünf Jahre nach seinem Tod veröffentlich wurde, degradierte man es schnell zum „Handbuch tyrannischer Machtpolitik“. Insbesondere die Betroffenen, die Fürsten und die Kirchenherren, erkannten sich selbst in diesen Schriften und stießen sie ab wie ein giftiges Insekt. Für sie war das Werk die „höllische Ausgeburt brutaler und hinterhältiger Machtpolitik“, wie man heute so gerne zitiert.

Der Fürst.

Nun stellt sich die Frage, was das Werk so höllisch macht. Machiavelli wendet sich ausdrücklich nur Fürstentümern zu (die Republiken läßt er heraus) und beschreibt, auf welche Arten jene erworben werden: Wenn man sie nicht erbt oder von einer Autorität (nicht Gott) zugesprochen bekommt, muß man sich neue erschließen. Doch wie und warum lassen sich andere Menschen beherrschen? Werfen wir doch einen Blick ins Buch:

„Die so erworbenen Herrschaften sind entweder schon daran gewöhnt, unter einem Fürsten zu leben, oder in Freiheit hergekommen; und man erwirbt sie entweder mit fremder, oder mit eigener Waffengewalt, entweder durch Glück, oder durch Tugend.“

Machiavelli zieht Gleichnisse von grundlegenden sozialen Verhaltensweisen. Darin spielen Gewöhnung, Neid, Gier, Freundschaft und Feindschaft eine Rolle… Im Mittelpunkt steht vor allem die Gewogenheit des Volkes (der Provinzialen), von denen die wahre Macht eines Fürsten abhängig ist: Entweder ist es Gewöhnung an einen bestehenden Patrirchen oder die (trügerische) Hoffnung, sich von jenem zu einem andern zu verbessern.

 „So sag‘ ich denn also: daß diese erworbenen Staaten, die der Erwerber mit seinem alten Staate vereinigt, entweder mit diesem von Einer Provinz und Einer Sprache sind, oder nicht sind, so ist es gar leicht, sie zu behaupten, besonders im fall sie nicht an freies Leben gewöhnt sind: und um sie sicher zu besitzen ist schon genug, wenn man den Stamm des Fürsten, der sie regierte, vertilgt hat; wenn man ihnen in übrigen die alten Bedingungen aufrecht hält, und keine Sittenverschiedenheit ist, die Menschen ruhig weiter leben, wie man es in Burgund, Bretagne, Gascogne und der Normandie sah, welche so lange bei Frankreich Geblieben.“

Vor allem, so Machiavelli, läßt es sich am besten herrschen, wenn man dort ist, wo seine Untertanen sind, denn „wenn man da ist, sieht man die Unordnungen keimen, und kann dawider schleunig helfen; […]“ Das macht es deutlich: Macht ist ein Faktum, daß zwar mit Gewalt zu tun hat, aber der Gewalt des Volkes zu widerstehen hat.

Teil dieser Gewalt ist auch Angst: Der Fürst macht sich Feinde, wenn er fremdes Land okkupiert und Besitztümer an sich reißt. Für diese „Gekränkten“ gilt es Listigkeit oder Unerbittlichkeit zu zeigen:

„drum muß die Kränkung, die man dem Menschen erweist, von der Art seyn, daß sie die Rache nicht fürchten darf. […] und alle die Andern bleiben theils ungekränkt zurück, und ruhen mithin um so leichter, theils furchtsam, einen Fehler zu machen, damit es ihnen nicht so ergehe wie denen, welche man beraubt hat.“

Machiavelli beschreibt in seinem „Il Principe“ anhand vielfältiger Beispiele aus der Geschichte, die Vorgehensweise von Herrschern, die sich Gebiete erhalten oder erobert hatten. In der Quintessenz ist es die Gewalt, die Furchteinflößung und die Wohltätigkeit derer sich ein Herrscher bedient. Wenn man so will, erkennt man darin einen Naturzustand der menschlichen Psyche: grausam, ungezügelt und doch furchtsam.

Heiligt der Zweck jedes Mittel?

Der Fürst garantiert ein Zusammenleben des Volkes in seinem Reich durch die angeführten Mittel: Gewalt und Wohltätigkeit. Dabei gibt Machiavelli keine Wertung ab; einem Herrscher ist vielmehr jedes Mittel als recht anzusehen, das Friede und Einigkeit in der Bevölkerung schafft. Der Zweck liegt allein darin, ein regierbares Territorium zu erhalten. Und regierbar ist ein Staat nur, wenn er aus Staatsgrenze und Staatsvolk besteht. Wie die Staatsgewalt vorgeht liegt dabei jenseits von Moral, also jenseits von Gut und Böse. Kein Wunder also, daß im 16. Jahrhundert, der Zeit des Klerus, die Kirche mit Machiavellis drastischem Realismus nicht einverstanden war.

Denn wer einen solchen Satz gebraucht, macht sich … unbeliebt:

„Alle Macht ist Raub und all ihre Rechtfertigung pure Ideologie.“

Was in Machiavellis Werk ins Auge sticht: Er bedient sich ausnahmslos an Beispielen aus der Geschichte und stellt eine deutliche Folgerung auf – die Handlungen der Herrschenden folgen der Prämisse der Nützlichkeit. „

 „[…] welches Verfahren immer nützlicher seyn wird […]“.

Machiavelli läßt sich nicht, wie viele seiner staatsphilosophischen Vorgänger dazu hinreißen, den Zweck zu definieren. Es steht also nicht das Wohl des Volkes im Vordergrund – es ist ein Faktor, der jedoch zum Regieren unerläßlich ist. Machiavelli’s Beobachtung deckt sich beispielsweise mit jener anderer Staatsphilosophien: Die erste Aufgabe eines Staates ist der Schutz seines Volkes und er bringt den Grund dafür es dieser Art auf den Punkt:

 „… wenn die Gefahr fern ist; kommt sie aber näher, so empören sie sich.“

Interessant ist auch die Frage, was nun besser sei: Als Fürst gefürchtet oder geliebt zu sein?

„Ich antworte: beides sollte man seyn. Weil es sich aber schwer zusammen vereinigen läßt: daß sie undankbar, veränderlich, zur Verstellung geneigt, den Gefahren abhold, begierig nach Gewinne sind; und so lange du ihnen Gutes thust, sind sie alle dein, verschreiben dir ihr Blut und Leben, Habe und Kinder, wie schon gesagt, wenn das Bedürfniß im Weiten liegt; wenn es aber herankommt, empören sie sich…“

Wieder wird deutlich: Der Herrscher hat seine Mittel dem Zweck entsprechend zu wählen. Er kann nicht gegen das Volk regieren.

„[…] die Klugheit aber besteht darin, die Eigenschaften der Mißverhältnisse prüfen zu können, und das minder üble für gut zu nehmen. – Auch muß ein Fürst sich als Freund der Tugenden zeigen, und die Trefflichen in jeder Kunst ehren. Er muß demnächst seine Bürger ermuthigen daß sie ruhig ihre Handtierungen treiben können, sowohl im Handel als Ackerbau und allen andern Gewerben der Menschen, damit sich Dieser nicht abhalten lasse seine Besitzungen zu verschönern, aus Furcht, derselben beraubt zu werden, noch Jener ein Geschäft zu eröffnen, wegen Besorgniß der Steuern. Vielmehr muß er Belohnungen aussetzen für Die dergleichen unternehmen wollen, und für Jeden, der irgend auf eine Art seine Stadt oder Staat zu mehren gedenkt. Er muß überdieß in den schicklichen Zeiten des Jahres das Volk mit Festen und Schauspielen beschäftigen, und, da jede Stadt entweder in Zünfte oder in Stämme eingetheilt ist, muß er um diese Corporationen sich kümmern, sich zu ihnen bisweilen gesellen, mit einem Beispiel der Milde und Reichlichkeit vorgehen, immer jedoch dabei die Majestät seiner Würde fest aufrecht halten, weil dieses nie in keinem Falle versäumt werden darf.“

Das heißt aber nicht, daß er ein Wohltäter sein muß. Besonders für die die Übernahme eines Gebietes scheint in vielen Fällen Gewalt unerläßlich. Ein Beispiel: Der Fürst als Herrscher, bedient sich Mittelsmännern, welche seine Geschäfte der Regierung führen und setzt sie dabei zweckmäßig und gewissenhaft ein – auch, wenn dabei Blut (seiner Bediensteten selbst) vergossen werden muß:

„Da, nach Eroberung von Romanien, der Herzog fand, daß es von unmächtigen Herren beherrscht worden war, die ihre Unterthanen vielmehr beraubt als gebessert, und ihnen mehr Anlaß zur Entzweyung als Einigkeit gegeben hatten, so daß die Provinz von Plackereien, Händeln und jedem Unfug voll war, schien es ihm unerläßlich, derselben ein gutes Regiment zu geben, wenn er sie ruhig haben wollte, und königlichem Ansehen folgsam. Darum setzte er dort den Remiro d’Orco, einen grausamen, thätigen Menschen ein, welchem er unumschränkte Macht gab. Dieser machte mit größtem Ansehn in kurzer Zeit sie ruhig und einig. Darnach erachtete der Herzog ein so unmässiges Ansehn nicht passend, da es ihn selbst verhaßt machen konnte, und setzte mitten in der Provinz ein bürgerliches Gericht ein, unter einem vortrefflichen Vorstand, da jede Stadt ihren Anwalt hatte. Und, weil er sah, daß die vorige Strenge ihm einigen Widerwillen erweckt, so wollte er , um die Stimmung des Volkes zu reinigen und sie ganz für sich zu gewinnen, beweisen daß wenn Grausamkeit zum Theil begangen worden waren, sie nicht Ihm selbst zu Schulden kämen, sondern der rauhen Natur des Ministers. Nahm also hievon Gelegenheit, und ließ ihn eines Morgens auf dem Markt zu Cesena in zwey Stücke hauen, nebst einem blutigen Messer dabei auf einem Pfahle aufgerichtet. Durch welches Schauspiels Gräßlichkeit das Volk begnügt und betäubt blieb.“

Soweit also Moral für den Herrschenden keine Rolle spielt, gibt es drei greifbare Grundsätze – natürlich der Nützlichkeit zugetan – an die sich ein Fürst halten sollte:

„Du sollst dich nicht an den Gütern deiner Untertanen gütlich tun; du sollst dich nicht an ihren Frauen vergreifen; du sollst nicht einfach aus Spaß töten.“

Discorsi

Man darf „Il Principe“ nicht als Hauptwerk Machiavellis herausstellen bloß weil es am eindringlichsten erscheint. Sein „Discorsi“ handelt von der Vorstellung eines idealen Staatswesens – es ist also im Gegensatz zu „Il Principe“ ein staatstheoretische Werk. Machiavellis Auffassung, daß sich Geschichte wiederhole, macht eines der Grundzüge seiner „Discorsi“ aus: Die Reflexion, was zu tun sei, um einen ordentlichen und gerechten Staat zu schaffen. Sie handeln vom Aufbau und den Vorteilen einer republikanischen Verfassung. So kann man „Il Principe“ als Grundlage und Nachweis Machiavellis Auffassung von der Wiederholung der Geschichte ansehen und die „Discorsi“ als Nachsinnen über eine Lösung jener Probleme.

Übrigens: Bei Hegel und Nietzsche werden sich einige Grundgedanken Machiavellis wiederfinden.

Ertrag

Eine der herausragenden Eigenschaften Machiavellis Werkes „Il Principe“ ist sein Empirismus. Die bloße Beschreibung der Zustände der Macht im der früh- bis spätmittelalterlichen Zeit genügte, um die zu jener Zeit Herrschenden mehr als nur betroffen zu machen – und wirkt bis heute nach. Wenn der „Machiavellismus“ heute zum Teil degradierend benutzt wird, bleibt der empirische Fakt Machiavellis Schriften unbestreitbar: Die menschliche Natur ist eine strebende und alles Streben sucht Sicherheit.

Zudem ist das Ablösen von den Begriffen „Gut“ und „Böse“, das Abkehren von der Moral, ein Novum, das es bis zur Neuzeit geschafft hat. Das 16. Jahrhundert, die Zeit der Veröffentlichung von „Il Principe“, war der Beginn der frühen Neuzeit: Luther spaltete die Kirche, Thomas Müntzer führte die Bauern in den Aufstand und der Humanismus kehrte in die Philosophie ein. Nietzsche hat später Machiavelli in seinen Werken (s. Jenseits von Gut und Böse) aufgegriffen. Dabei steht die Zweckmäßigkeit wieder im Vordergrund und die Rolle der Moral ist einzig jene, ihre Mittel zu beschönigen.

Die Aufklärung hat uns ein gehöriges Maß an Mißtrauen gegenüber moralischer Gesetzmäßigkeiten mitgebracht. Das Instrument der zehn Gebote der Kirche scheint uns eine veraltete Moral; jene der Demokratie nicht. Im Jahre 1917 wurde jene moralische Begründung von blutigen Umstürzen „Ideologie“ genannt. Die sozialistische Idee führte – wie die christliche – zu weiteren blutigen Szenen in der Geschichte, die Machiavellis Untersuchungen nur bestätigen: Wenn Macht gegen den Willen des Volkes gewonnen oder erhalten werden soll, ist Gewalt im Spiel. Zum Beispiel siedeln die modernen Ölkriege ihre Gründe offiziell an die „Demokratie“ heran – die Befreiung der Völker in Diktaturen sei moralische Notwendigkeit, wobei der Zweck doch ein ganz anderer ist. Der Demokratiebegriff leidet unter einer falschen Moralisierung.

In der modernen Zeit des (theoretisch) politisch-neutralen Kapitalismus ist ein anderer Faktor Machiavellis Theorie in den Vordergrund gerückt: Die Gunst des Volkes. Der Fingerzeig auf den grausamen Sozialismus, war eines der Mittel und das Kapital erkaufte diese Gunst in Form sozialer Marktwirtschaft. Jetzt, wo von der Finanzkrise (2012) die Rede ist, bleibt abzuwarten, ob Machiavellis Beobachtungen noch immer allgemeingültig sind – denn welches Mittel bleibt einer Regierung zur Machterhaltung, wenn die Gunst seiner „Untertanen“ nicht mehr gegeben ist?

Zuletzt ein weiteres Zitat aus den „Discorsi“:

„Untersucht man sorgfältig die Vergangenheit, so ist es ein Leichtes, die zukünftigen Ereignisse vorherzusehen und dieselben Hilfsmittel anzuwenden, welche von den Alten angewendet worden sind, oder neue Mittel, entsprechend der Ähnlichkeit der Vorfälle, zu ersinnen. Da aber solche Betrachtungen vernachlässigt, oder nicht verstanden werden oder, wenn verstanden, den Regierenden unbekannt sind, so ist die Folge davon, dass jederzeit dieselben Unordnungen stattfinden.“


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One Response to Nicoló Machiavelli

  1. Anonymous sagt:

    rousseau menschenbild

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