Quod erat demonstrandum: Warum der Mensch Objekt ist

„Bei CallOn hatte ich eine Kollegin kennengelernt, die von der Arbeitsagentur zu einem Callcenter namens ZIU-

International geschickt worden war. Dort, erzählte sie mir, seien ihr Verkaufspraktiken abverlangt worden, die sie mit

ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Nachdem sie der Arbeitsagentur den Fall unterbreitet hatte, informierte die

nicht etwa die Gewerbeaufsicht, sondern bestrafte die Frau mit einer Sperrzeit. Kein Geld, kein Hartz IV, keine

Arbeitslosenunterstützung. Sie habe das Ende ihres Beschäftigungsverhältnisses selbst zu verantworten, hieß es. Man

darf keine Skrupel haben im Callcenter. Und mancher kann sich einfach keine Skrupel leisten. “ (Günter Wallraff in

ZEIT-Magazin vom 22.Mai 2007.)

„Bei CallOn hatte ich eine Kollegin kennengelernt, die von der Arbeitsagentur zu einem Callcenter namens

ZIU-International geschickt worden war. Dort, erzählte sie mir, seien ihr Verkaufspraktiken abverlangt worden, die sie

mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Nachdem sie der Arbeitsagentur den Fall unterbreitet hatte, informierte

die nicht etwa die Gewerbeaufsicht, sondern bestrafte die Frau mit einer Sperrzeit. Kein Geld, kein Hartz IV, keine

Arbeitslosenunterstützung. Sie habe das Ende ihres Beschäftigungsverhältnisses selbst zu verantworten, hieß es. Man

darf keine Skrupel haben im Callcenter. Und mancher kann sich einfach keine Skrupel leisten. “ (Günter Wallraff in

ZEIT-Magazin vom 22.Mai 2007.)

Nur ein paar Seiten weiter hinten im Magazin spricht Josef Ackermann in einem

Interview von Moral der Wirtschaft – auch wenn die bedeutet, sich vor Reputationsverlust zu schützen. Aber es gibt auch

eine Moral, ist die Conclusio der Journalisten: die Moral des Marktes. Wenn man diesen Begriff unverwunden weit

auslegt. Moral: Leistung ist der Einsatz, sozial niveauvolles Leben ist der Lohn.

Logisch ausgedrückt: Leistung

als Input, Lohn als Output. Arbeitsleistung als Input, Geldleistung als Output. Daher gibt es seit Marx die … „Arbeit

als Produktionsfaktor“. Wieder logisch gesprochen: Arbeit leistet der Mensch, also ist der Mensch Arbeit. Da Arbeit ein

Produktionsfaktor ist, ist dieser Faktor monetär bemessbar. Der Mensch ist also monetär bemeßbar.

Früher war

alles besser. Da war ein Akademiker monetär mehr wert als ein Hauptschüler. Da war sogar ein Abiturient mehr wert als

ein Hauptschüler. Das war übrigens zynisch gemeint.

Was uns zum Recht bringt: Behandelt das Recht des Staates

den Menschen? Gleich? Gleichheit ist der Primat des Rechts. Für alle Bundesbürger gilt das gleiche Recht (abgesehen von

den Landesgesetzen und kommunalen Rechtssätzen). Das heißt, daß z.B. am Erfurter Amtsgericht ein renitenter

Schwarzfahrer eine zeitige Freiheitsstrafe von 3 Monaten kassiert, weil er einfach nicht einsichtig ist – so die

Staatsanwaltschaft. Drei Monate Gefängnis also, weil der Angeklagte nun schon dreimal die 1,40 Euro für die Straßenbahn

nicht gezahlt hat (und die nachfolgenden jeweils 40 EURO Strafgebühren). Und der nimmt es scheinbar gleichgültig: Er

würde am liebsten zur Winterzeit in den Knast. Ihm sei ansonsten alles egal.

So etwas erregt beim Zuschauer eine

Art emotionale Unterkühlung: Was für ein Asozialer mögen die denken. Nur wegen 1,40 Euro!? Das muß man sich mal

vorstellen! Da geht der lieber in den Knast. Das kann man nicht verstehen, nur verurteilen. (Auch das ist wieder

zynisch gemeint.)

Für einen Josef Ackermann sind 1,40 EURO kein Geld. Doch auch er wäre 3 Monate in den Bau

gegangen, hätte er zu zahlen versäumt. Hätte er das?

Der Staat behandelt über das Recht in seiner majestätischen

Gleich-Gültigkeit jeden Bürger als gleich-„gültig“. Zurück zum Callcenter. Die Sperrzeit wegen eines Jobs, den die

Arbeitnehmerin moralisch nicht vertreten konnte, ist nach reiner Gesetzeslogik ihre eigene Schuld. Das Gesetz kennt

„Moral“ nicht. Die ist eine metaphysische Sache außerhalb… Und das meint das Gesetz über Sperrzeiten:

§ 144 Abs.

1 Nr. 2 SGB III

(1) Hat der Arbeitnehmer sich versicherungswidrig verhalten, ohne dafür einen wichtigen Grund zu

haben, ruht der Anspruch für die Dauer einer Sperrzeit. Versicherungswidriges Verhalten liegt vor,

wenn

1.

2.

der bei der Agentur für Arbeit als arbeitssuchend gemeldete Arbeitnehmer (§

37b) oder der Arbeitslose […] eine von der Agentur für Arbeit […] angebotene Beschäftigung nicht annimmt oder nicht

antritt oder die Anbahnung eines solchen Beschäftigungsverhältnisses, insbesondere das Zustandekommen eines

Vorstellungsgespräches, durch sein Verhalten verhindert (Sperrzeit bei Arbeitsablehnung).

Im Fall der

Callcenter-Mitarbeiterin in spe schien das Gewissen keinen wichtigen Grund im Sinne des Gesetzes darzustellen. Der

Mensch als Produktionsfaktor. Quod erat demonstrandum.


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Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

2 Responses to Quod erat demonstrandum: Warum der Mensch Objekt ist

  1. Marco sagt:

    mmhmm… versteh‘ ich selbst nicht mehr. Eher so:

    1. Arbeit leistet der Mensch, also ist der Mensch Produktionsfaktor.

    2. Produktionsfaktoren sind monetär bemessbar.

    3. Somit ist der Mensch also monetär bemeßbar.

  2. SkeptischeAlteDame sagt:

    „Arbeit leistet der Mensch – also ist der Mensch Arbeit“ ist so logisch wie: Fußball leistet der Mensch – also ist der Mensch Fußball :(

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