Überschießende Innentendenz – Böhmermann und René Augusti

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Ede klaut ein Fahrrad. Ede behauptet, er wollte es sich nur ausleihen. Das kann der Staatsanwalt nicht entkräften – als wird Ede nicht wegen Diebstahls angezeigt. Ihm fehlte nachweisbare „Aneignungsabsicht“. Die muß aber subjektiv vorhanden sein, ansonsten ist die einfache Wegnahme des Fahrrades noch kein Diebstahl. Der Jurist nennt das „überschießende Innentendenz“: gewisse subjektive Elemente (also in der Absicht des Täters) haben ein größeres Gewicht als die objektive Tat.

Solche überschießenden Innentendenzen sind mehr und mehr sichtbar bei gewissen Deutschen. Inzwischen trauen sich die  minderbemittelten Großmäuler heraus – vor allem auf sozialen Netzwerken. „Anstand“ ist denen schon lange kein Begriff mehr, sondern es geht um Aktion. Eine Art von Rambo-Gehabe: Erstmal ballern, nachgedacht und geweint wird dann später (wir erinnern uns an „First Blood“, wo John Rambo aka Silvester Stallone am Ende einen kleinen emotionalen Zusammenbruch hat). Das sind die Leute, vor denen mich mein Großvater gewarnt haben würde, wenn er die kennengelernt hätte. Mein Opa hat 10 Jahre seines Lebens dem 2. Weltkrieg geopfert, welche aus den gleichen Hirnen entsprang, die heuer ihre Tiraden entladen.

Bisher haben sie leise getreten, die extremistischen Auffassungen. Vielleicht war bisher war alles irgendwie erträglich, oder vielleicht gab es keine offenbare kritische Masse, bei denen das Gehör finden würde. Diese Masse hat sich beispielsweise in verschiedenen -gida-Märschen gezeigt. Also kann losgekläfft werden. Feiglinge mischen sich nun unter und beginnen immer lauter zu werden. Ein typisches Verhalten: Der „Underdog“, geplagt von Komplexen, Unsicherheiten, gerade genug Hirn, um logische (nicht unbedingt richtige!) Schlußfolgerungen zu ziehen, entdeckt sich neu. Grandios die Rolle des sich als Sadisten entpuppenden Berus (Justus von Dohnányi) in der deutschen Verfilmung „Das Experiment„.

Ein echter Held diesen Kalibers ist René Augusti aus Salzwedel, seines Zeichens AfD-Mitglied. Mit seinen Äußerungen, jene (deutschen) Mitbürger „an die Wand zu stellen“, die dem Flüchtlingsströmen Unterstützung zukommen lassen, hat er die Auszeichnung als Volksverhetzer und Non-Humanist verdient. Er ist ein armer Tropf, der sich hat hinreißen lassen, einen am Stammtisch wohl oft gesagten Satz in den digitalen Äther zu schicken. Und das als AfD-Mitglied. Die Partei hat ein Ausschlußverfahren eingeleitet – man weiß, wie man sich politisch korrekt verhalten muß – jedoch beschweren sich AfD Mitglieder im gleichen Atemzug über das Bekanntwerden:

Die Auszüge sind aus einer geheimen Gruppe. Man sieht zu welchen Methoden man mittlerweile greift, da man politisch nichts mehr vorzubringen hat, weil man erkannt hat, dass AfD-Positionen sich Schritt für Schritt als die Richtigen rausstellen.

…aus dem Facebook-Stream des AfD-Landtagskandidaten Daniel Roi. Interessant, daß dies der Punkt Nummer 1 ist, welchen er in dieser Sache anführt.

Das ist die eine Seite der republikanischen Stimmung. Dann gibt es noch die andere, die nicht weniger grobschlächtig dagegen hält. Nehmen wir Jan Böhmermann. Das Gesicht der Late-Show des öffentlichen deutschen Rundfunks. Ein Bubi aus den 80ern, der – nicht ungebildet oder un-eloquent – arrogant seine Scherzchen reißt. Dieser Böhmermann ist immerhin intelligent genug, sich selbst zu reflektieren. Allerdings heizt eine solche Arroganz die Stimmung auf – besonders auf der anderen Seite. Daß seine Studio-Gäste applaudieren, ist kein Wunder. Doch bilden sie damit eine selbstgestrickte elitäre Front, welche deutsche Klassen-Verhältnisse vertiefen. Getreu dem Spruch: „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“

Ich wünsche mir Böhmermann als Sprecher auf einer AfD-Kundgebung. Ernsthaft.


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