Der Druck, damit nichts passiert

Amerikaner sind Vorreiter einer neuen Shoah: der Entwürdigung des Menschlichen unter dem Primat der Angst, die seit Jahrtausenden der pathologische Deckel unserer Freiheit ist. Angst wird instrumentalisiert, keine Frage. Und sie wird geschürt, während auf den glitzernden Bühnen die Hohlköpfe ihre lustigen Shows präsentieren, damit der Mensch in Balance gehalten wird. Eine fragwürdige Balance. Wie kann man sich noch als…

Amerikaner sind Vorreiter einer neuen Shoah: der Entwürdigung des Menschlichen unter dem Primat der Angst, die seit Jahrtausenden der pathologische Deckel unserer Freiheit ist. Angst wird instrumentalisiert, keine Frage. Und sie wird geschürt, während auf den glitzernden Bühnen die Hohlköpfe ihre lustigen Shows präsentieren, damit der Mensch in Balance gehalten wird. Eine fragwürdige Balance. Wie kann man sich noch als Mensch fühlen, wenn einem wegen eines Verkehrsverstoßes von der Polizei die Arschbacken auseinandergerissen werden wegen „safety issues“. So geschehen in den USA, wo das Wort „issue“ an die zwanzig verschiedene Bedeutungen hat.

Der Naomi Wolfs Artikel im Guardian zeigt eine neue Dimension der bürgerlichen Entmündigung, die – ohne Übertreibung – einen Meilenstein in der neueren Geschichte markiert. Wolf berichtet, wie der amerikanische oberste Gerichtshof entschieden hat, daß bei Rechtsbrüchen jedermann einer Körperuntersuchung unterzogen werden kann – wie auch immer gering das Vergehen geartet ist. Er bestätigt damit, daß jedem von uns in den USA von der Polizei sprichwörtlich die Hosen heruntergezogen werden können. Wolf vergleicht diesen zu Recht Zustand mit dem Holocaust und der Richter Anthony Kennedy begründet sein Verdikt mit dem Umstand, daß man den 9/11 Terroristen bei einer Geschwindigkeitsübertretung hätte festhalten können.

Diese Absurdität kommt von einem der einflußreichsten Männer der USA und von einem Juristen, dem man ein vernunftvolles Judiz zutrauen können muß. Erschreckend, daß diese Attitüde mit der jüngsten amerikanischen Gesetzgebung übereinstimmt, die das Protestieren kriminalisiert, wenn es in der Nähe von Personen geschieht, die secret service protection (Leibwächter) in Anspruch nehmen. H.R. 347 bietet einen Strafrahmen auch für friedfertige Demonstrationen von 10 Jahren Gefängnis.

Zitiert aus der Flugschrift „Der kommende Aufstand“, erhöht sich der Druck auf die Bevölkerung, damit nichts passiert, zusehends. Was bisher immer den Beigeschmack von Verschwörungstheorie besaß, ist nicht mehr zu leugnen: Die Amerikaner sind das beste Beispiel eines zerfallenden Systems. Die Zeichen sind offensichtlich: Der zwanghafte Versuch des sozialen Zusammenhalts, der Verdichtung der sozialen Viskosität mit Mitteln der Angstmache, Sicherheitskontrollen, Polizeiaufgeboten und dem Ablenken durch permanente Verweise auf unmenschliche Diktaturen, in anderen Zonen des Globus. Was geht das die Amerikaner an? Eine Frage, die sich jeder kritische Mensch bei jeder militärischen Aktion der USA gestellt hat. Es geht sie nichts an, was andere Länder mit ihren Völkern veranstalten; es interessiert die Amerikaner auch nicht, ob Humanismus oder Demokratie Verbreitung finden. Wir wissen, es sind – wie bei allen Staaten – Interessen an Ressourcen und Stabilität.

Die Zurschaustellung anderer politischer Sitten, die Herabwürdigung von anderen Regierungen und Kulturen, ist eine Live-Show für das differentiam specificum in uns. Ich Amerikaner, Du Dreck. Interessiert uns afrikanischer Hunger? Nein. Die prekäre, unmenschliche Lage afrikanischer Länder wie Somalia oder Kenia interessiert die erste Welt nicht – eine offenbare Heuchelei von jedem von uns.

Die USA erheben, wie alle zerfallenden Systeme, die Wahrung des status quo zum schutzwürdigsten Zweck und verletzen dabei jegliche humane Grundrechte. In der terminalen Phase des Sozialismus war es nicht anders.

Anders als in den segenreichen Zeiten des kalten Krieges, der den status quo und das Feindbild mit Sprengköpfen zementierte, fehlt heute die klare Linie. Es gab bis zum 9. September 2011 keinen einfach auszumachenden Gegenspieler mehr, danach den Terror. Für die hirnlahmen Hinterwäldler erscheint er natürlich in Gestalt eines bärtigen Moslems.

Schlecht nur, daß das Internet dem herrschenden Vor-Verstädnis einen Strich durch die Rechnung zu machen droht. Informationsverbreitung über Grenzen, ungefiltert und von der Quelle werden zum Todesstoß für jene, die ihre im Sterben begriffenen Wahrheiten aufrecht erhalten wollen. Wahrheiten, wie etwa jene der gleichen Möglichkeiten aller Menschen in freiem Wettbewerb. Diese Un-Kontrolle gilt es zu verhindern. Daher ACTA und weitere Versuche aller Art, die Internet-Gemeinde mit der Möglichkeit effektiver Strafverfolgung zu zähmen.

Was wird passieren, wenn die sogenannte „freie Welt“ zusammenbricht unter ihrem eigenen Druck, der sie schleichend zu einem Totalitarismus gebracht haben wird, indem die Menschen noch immer an ihre eigene Freiheit glauben?

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