Produktionsfaktor Arbeit. Ein Gleichnis.

Für den an Arbeit interessierten Arbeitslosen in der Gegend um Sömmerda hieß es nach der Wende und vor Hartz IV Umschulung oder Langzeitarbeitslosigkeit. Angst vor einem Leben ohne Arbeit hatte jeder — warum sich auch jeder Mühe gab, sich für den neuen Arbeitsmarkt fit zu machen. Ein neues Gefühl beschlich die Menschen im Osten, das sie bis dahin nicht kannten: Man bewarb sich mit anderen auf ein und dieselbe Stelle und nur einer würde sie bekommen. Menschen standen plötzlich in Konkurrenz. Wer es nicht schaffte, wurde Langzeitarbeitsloser und mußte mit etwas weniger auskommen. Man kam aus, irgendwie.

Am 1. Juli 1990 schloß das einstige VEB Kombinat Robotron in Dresden. Knapp siebzigtausend Menschen verloren ihre Arbeit praktisch über Nacht.

In Sömmerda, einem kleinen Provinznest nordöstlich von Erfurt, gab es noch immer einen Betrieb des Robotron: das Büromaschinenwerk Soemtron. Von Einheimischen auch „Rheinmetall“ genannt, da die Geschichte des Werkes selbst bis 1816 zurückreichte, beschäftigte es 12.000 Menschen – fast die Hälfte Sömmerdas Einwohner. In den 1980er Jahren konzentrierte sich das Werk Sömmerda auf die Produktion von Personalcomputern. Es rückte in den Mittelpunkt der DDR-Führung, welche mit Mikroelektronik auf dem Weltmarkt punkten wollte. Das war aussichtslos; stattdessen baute man auf Anleitung beispielsweise Nadeldrucker oder PC´s die billig im Westen verscherbelt wurden. Nicht nur einmal wurde Ware wegen Fingerabdrücken zurückgesandt.

Als das Werk 1991 schloß, schoß die Arbeitslosigkeit im Landkreis Sömmerda über die 20% Marke. Aus dem Werk wurde ein Industriepark mit verschiedenen Ansiedlungen kleiner Unternehmen. Nur noch jeder Dreißigste aller vorigen Mitarbeiter stand hier in Lohn und Brot. Und die anderen?

Man mußte sich arrangieren – auf die eine oder andere Art. Im Großen und Ganzen waren die über zweieinhalb Millionen Arbeitsloser im Osten Deutschlands auf den Staat angewiesen: Kurzarbeit, Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Für viele war das Ende der ostdeutschen Betriebe das Ende ihrer Arbeitszeit.

Im Westen Deutschland herrschte bis dahin seit den späten Siebzigern eine strukturelle, konjunkturresistente Arbeitslosigkeit von um die 8%, getrieben von Ölpreiskrisen 1973 und 1981. Insbesondere die Gruppe Langzeitarbeitsloser wuchs bis in die späten 1980er immer weiter an. Durch den folgenden „Wiederaufbau Ost“ konnte die Arbeitslosigkeit im Westen wieder auf das Niveau der frühen Achtziger heruntergesenkt werden. Auf der einen Seite riß man ein, auf der anderen wurde aufgebaut.

Für den an Arbeit interessierten Arbeitslosen in der Gegend um Sömmerda hieß es nach der Wende und vor Hartz IV Umschulung oder Langzeitarbeitslosigkeit. Angst vor einem Leben ohne Arbeit hatte jeder — warum sich auch jeder Mühe gab, sich für den neuen Arbeitsmarkt fit zu machen. Ein neues Gefühl beschlich die Menschen im Osten, das sie bis dahin nicht kannten: Man bewarb sich mit anderen auf ein und dieselbe Stelle und nur einer würde sie bekommen. Menschen standen plötzlich in Konkurrenz. Wer es nicht schaffte, wurde Langzeitarbeitsloser und mußte mit etwas weniger auskommen. Man kam aus, irgendwie.

Ein Vierteljahrhunder später steht die Arbeitslosenquote im Osten doppelt so hoch wie im Westen Deutschlands. Langzeitarbeitslosigkeit ist noch immer die größte Herausforderung, welche Gerhardt Schröder mit „Aktivierung“ lösen wollte. Stichwort Hartz IV. Staatliche Unterstützung der Arbeitslosen wurde fortan nicht zur Sicherung des Lebensstandards, sondern zur Existenzsicherung verstanden. Der Unterschied zwischen Status und Existenz ist wie jener zwischen Leben und Existieren. Arbeitslose unter Hartz IV sollen überleben können, nicht mehr, nicht weniger. Darum wird es für all jene, die nicht mehr zu Arbeit kommen viel enger: Der Staat fügt noch Druck hinzu. Nur jene, die sich bewegen, die sich in Wettbewerb begeben, sollen mit einem entsprechenden Lebensstandard belohnt werden. Das ist keine soziale Marktwirtschaft mehr, sondern neoliberaler Lobbyismus in Reinform.

(Wer zu Zeiten Schröders dessen Politik verfolgt hat, versteht, daß dieser überforderte Dandy nur allzu hörig Lobbypolitik der Konzerne vertreten hatte)

Nicht viel anders geht es den indischen und chinesischen Fabrikarbeitern, die mit 3 bis 60 Dollar im Monat nach Hause geschickt werden. Als Deutscher soll man heute nicht klagen, denn vergleichsweise ist das deutsche Existenzminimum viel höher als das eines Chinesen. Das ist richtig – mit anderen Worten: Der deutsche Hartz IV Empfänger bekommt etwas zu essen, ohne zu arbeiten – Zynismus, Stufe eins, für welchen er dankbar sein sollte. Im Vergleich dazu also Zynismus, Stufe zwei: Der chinesische Arbeiter, der sich sein Existenzminimum erarbeiten muß.

Weder die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der 90er oder die Hartz IV Gesetze haben nachweislich eine Verringerung der Arbeitslosigkeit bewirkt. Insbesondere Langzeitarbeitlose haben von diesen Maßnahmen nicht profitiert. Im Gegenteil: Das soziale Geflecht ist zerrissen, so wie die arbeitslosen Menschen von Existenzangst durchsetzt und die „Mittelständler“ von Verlustangst geplagt sind.

Wir brauchen die Langzeitarbeitslosen doch ohnehin nicht. Wir, das sind die Werte, über welche sich die Gesellschaft inzwischen politisch definiert: Keine, außer den blanken Zahlen, der Produktivität und dem Vergleich. Menschen mit Migrationshintergrund, gering Qualifizierte, Jugendliche sind als Produktionsfaktoren geringwertig. Die Grundregel der Marktwirtschaft von Angebot und Nachfrage bedeutet hier, daß es nicht genug Nachfrage seitens der Unternehmen nach Arbeitnehmern gibt. Sonst gäbe es mehr Interesse daran, auszubilden und zu beschäftigen.

In der kleinen Stadt Sömmerda gibt es auch 25 Jahre nach der Liquidation des Büromaschinenwerkes keine Unternehmen, welche auch nur annähernd die Masse an Menschen beschäftigen wie die alte „Rheinmetall AG“. Doch es gibt ein paar Geschäfte, einen Hagebaumarkt, einen OBI, ein Kaufland und so weiter, die das hundertfache an Konsumgütern anbieten. Der naheliegende Schluß: Es gibt alle Waren, aber keinen Bedarf an Arbeitskräften.

Es zeichnet sich nun schon jahrzehntelang ab, daß insbesondere im produzierenden Gewerbe immer weniger Menschen benötigt werden. Die Automatisierung ist schon geschehen und das Zeitalter der intelligenten Maschinen ist eingeläutet. Daß sich diese „Intelligenz“ nur um die Profitmaximierung dreht und in keinem Falle um die Verbesserung sozialer Lebensumstände, liegt vor unser aller Augen.

Und Angela Merkel meint, alles was Arbeit schafft, ist Priorität. Also weitere, durch politische Zugeständnisse angelockte Konzerne (TTIP) zur Ausbeutung der wenigen, die gerade gut genug sind. Wobei die Konzerne doch gar keine Arbeiter mehr brauchen. Die Zeit für Politiker mit dieser asozialen Einstellung ist lange abgelaufen.


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