Fünf Stunden als Terrorist

Es war eine langweilige Fahrt gewesen bis hier her. Trübes Wetter und der schnurgerade Motorway 6 von Birmingham, auf dem der Bus mit gleichmäßigem Brummen entlangschlich. Mir war so sehr nach einer Zigarette… Fünf Tage hatte ich keine mehr angefaßt. Dabei war ich Kettenraucher! Dreißig, manchmal vierzig Selbstgedrehte am Tag waren die Regel für mich. Aber ich bekam Bronchitis letzten…

Es war eine langweilige Fahrt gewesen bis hier her. Trübes Wetter und der schnurgerade Motorway 6 von Birmingham, auf dem der Bus mit gleichmäßigem Brummen entlangschlich. Mir war so sehr nach einer Zigarette… Fünf Tage hatte ich keine mehr angefaßt. Dabei war ich Kettenraucher! Dreißig, manchmal vierzig Selbstgedrehte am Tag waren die Regel für mich. Aber ich bekam Bronchitis letzten Montag, wodurch mir sämtlicher Appetit vergangen war – auf alles. Nur Wasser und Tee, mehr ging nicht. Diese Zeit nahm ich als Reinigung hin und hatte beschlossen, von Zigaretten fern zu bleiben. Irgendwie fühlte sich alles besser und reiner an.
Und jetzt stehe ich auf dieser gottverdammten Autobahn und warte, bis man uns weiterfahren läßt. Was würde ich jetzt für eine echte Zigarette geben!

Schuld an allem ist eine dieser elektronischen Glimmstengel: Ein lächerlicher Plastikbolzen, aus dem man Qualm saugen kann. Das schmeckt dann wie eine Mischung aus feuchten Socken und Mist. Und es leuchtet blau am Ende! Aber es war besser als nichts und dämlicherweise mußte mein Sitznachbar mir auch noch damit ankommen. Er rieb mir das Ding unter die Nase. Vielleicht hätte ich ihm nichts von meiner Anti-Rauch Mission erzählen sollen. Er grinste nur, als ich mißtrauisch ein paar Züge nahm. Es kam tatsächlich Rauch raus, der sich allerdings ziemlich schnell verflüchtigte. Mit einer wohlwollenden Geste verfolgte Ryan – der Zigarettenspender, der Unglücks-Engel – meine gierigen Züge. Ich versuchte, dem Rauch mehr Volumen zu verleihen. Ich gab auf und teilte Ryan mit, daß diese Elektroglimme Unsinn sei, der reinste Schrott, Resourcenverschwendung. Er schenkte sie mir.
Ich steckte sie in meine Reisetasche, als ich darin nach einem Buch suchte. Schlaflektüre. Sie half.
Irgendwann wurde ich unsaft geweckt. Ryan zerrte an mir, wortlos. Knurrend sah ich um mich. Was los sei. Ryan deutete aus dem Fenster. Eine Straßensperre. Schwer bewaffnete Polizisten standen in der Nähe des Busses und starrten in unsere Richtung. Dann kam die Durchsage vom Fahrer, daß wir Ruhe bewahren sollten. Kein Grund zur Panik und so weiter. Mein Sitznachbar hatte weit aufgerissene Augen; fast panisch erschien er mir. Knurrend wollte ich aufstehen. Als ich nach meiner Tasche greifen wollte, sah ich den gleichen panischen Ausdruck im Gesicht des halbwegs hübschen Mädchens im Sitz hinter mir, die leichenblaß zur Front des Busses starrte. Langsam begriff ich, daß alles nach vorn stierte. Mein Sitznachbar zog mich gewaltsam in den Sitz zurück. Im vorderen Teil des Busses standen bewaffnete Polizisten und begannen die Passagiere einzeln zu betasten und dann hinauszuführen. Was war hier los? Ich lehnte mich zurück und wartete einfach. Doch es dauerte nur Sekunden, bis man mich aus meiner bequemen Position zerrte und buchstäblich aus dem Gefährt hievte, als müsse man mich aus tödlichem Treibsand retten. Was zum Teufel war hier los? An mir quetschte sich ein Vermummter Polizist in Vollmontur vorbei – er erinnerte mich an einen dieser Bomb-Squads aus amerikanischen Filmen.
Ich wurde zu einem Zelt gebracht, daß man mitten auf der Autobahn aufgeschlagen hatte. Außerhalb des Busses war alles noch viel turbulenter: Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge standen um uns herum, ein oder zwei Hubschrauber kreisten, Hunde kläfften. Was zur Hölle sollte das? War das der dritte Weltkrieg? Nun war ich auch in Panik. Ich suchte die Gegend nach Gefahren ab. Außer den Einsatzfahrzeugen, jeder Menge Polizisten und weiteren seltsamen Zelten sah ich nur ein Ding, daß auf dieser geräumten Autobahn seltsam aussah: Unser Bus. Mit offenen Türen stand er da, einsam auf einem Stück des Motorway 6 von Preston nach London. Von allen Seiten schlichen Cops um ihn.
Von zwei stählernen Händen wurde ich in das gelb-grüne Zelt geschoben, nach meinen Ausweispapieren gefragt und durchsucht. Die Situation war so bizarr, daß ich nicht einmal Widerspruch leisten konnte. Sinnlose Fragerei mußte ich über mich ergehen lassen; ob ich einer terroristischen Organisation angehöre oder mit einer sympathisiere, welche meine Konfession sei, in welche Länder ich bisher gereist sei, sogar wo ich geboren und zu Schule gegangen sei. Bis irgendwann der Vermummte unvermummt aufschlug und den Kollegen irgendetwas zuraunte. Dann legte man mit meine Zigarette hin. Nette Geste, dachte ich, doch wurde gleich besorgt – woher wußten die, daß ich aufgehört habe zu rauchen und nun gerne eine Zigarette hätte aber eben keine habe, sondern nur diese dämliche elektronische… In meine Gedanken hinein wurde ich nach ihrer Herkunft gefragt. China womöglich, sagte ich. Daß ich kein Smart-ass sein soll, meinte ein grimmiger Beamter. Ich verstand nichts und durfte die Zigarette auch nicht behalten. Stattdessen stellte man meine Tasche auf den Tisch. Völlig durchnäßt. Irgendjemand hatte Wasser hineingeschüttet. Jetzt verstand ich die Frage, ob ich „Rauchentwicklung“ wahrgenommen habe. Die Zigarette. Jemand  hatte vom Mobiltelefon die Behörden über eine mögliche Bombe informiert.

Mehr als fünf Stunden sind vergangen. Endlich dürfen wir wieder in den Bus. Alles starrt auf mich. Meine Tasche hat gequalmt, na und? Deswegen bin ich kein Terrorist, oder? Glücklicherweise bin ich halbwegs rasiert. Ryan hat sich wieder neben mich gesetzt. Ist er angespannt? Er schweigt. Wenn sich unsere Blicke gelegentlich kreuzen, hebt er seine Mundwinkel zu einem falschen Lächeln. Ryan. Er kann sich nirgendwo anders hinsetzen, denn der Bus ist voll. Also muß er eben neben mir schweigen. Aber er ist einer diese Typen, denen Schweigen unbehaglich ist. Siehe da, es klappt: Er redet. Olympia, he? Ja, eine Menge Geld. 1 Milliarde Britische Pfund. Eine Menge Militär im Einsatz – wie man ja gerade gesehen hat, irgendwie. Gezwungenes Lachen. Eine Milliarde Pfund? Alleine ein günstiges Ticket, dritter Rang, erster Tag Leichtathletik liegt bei 277 Pfund. Am letzten Tag sind es schon 540 Pfund – oder 1677 für die VIP Version. Für ein paar Stunden Leichtatlethik! Kann ich mir nicht leisten, bemerke ich lakonisch. Ryans Augen leuchten, wenn er über Geld redet. Er bemerkt beflissen, daß Großbritanniens Wirtschaft auf Jahre profitieren könne. Seine Bank hätte ausgerechnet, daß an die 16 Milliarden Pfund durch die olympischen Spiele ins Land kämen. Moment mal: Er ist Banker? Großer Gott. Und ich bin der Terrorist hier. Dieser Ryan kann froh sein, daß ich ihn nicht verpfiffen habe. Es war immerhin seine Scheiß-Zigarette.

Based on a true story.

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